München – Chinas Druck auf Taiwan wächst. Ob und wann Peking den Inselstaat tatsächlich angreift, ist unklar. Fest steht aber: Ohne Hilfe der USA kann sich Taiwan kaum gegen den großen Nachbarn wehren. „US-Präsident Biden hat mehrfach betont, dass die USA Taiwan im Falle eines Angriffs verteidigen würden“, sagt Laura von Daniels, Expertin für US-Außenpolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Wir sind aktuell Zuschauer eines Konflikts zwischen Washington und Peking.“ Doch welches Interesse haben die USA daran, im Taiwan-Konflikt mitzumischen? Laut von Daniels gibt es dafür mehrere Gründe: historische, gesetzliche, strategische und wirtschaftliche.
Historisch
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor Japan all seine Kolonien – darunter Taiwan. Der Inselstaat wurde nach 50 Jahren Besetzung zurück an die „Republik China“ übergeben. Die kommunistische Volksrepublik, wie man sie heute kennt, gab es noch nicht.
Zu dieser Zeit fand gerade der Bürgerkrieg um die Führung in China statt: Die herrschenden nationalchinesischen Kuomintang unter Tschiang Kai-shek kämpften gegen die Kommunisten unter Mao Zedong. Im Jahr 1949 gewannen die Kommunisten die Oberhand – und gründeten die Volksrepublik. Die nationalchinesischen Kuomintang flohen nach Taiwan. Die „Republik China“ begrenzte sich fortan nur noch auf den Inselstaat.
Für die USA war das neue, kommunistische China eine Bedrohung. Man erkannte die Regierung in Peking nicht an und verweigerte ihr die UN-Mitgliedschaft. Stattdessen wurde die Freundschaft zwischen den USA und Taiwan immer enger: Die USA gewährten der Insel militärischen Schutz. Bis 1971 vertrat Taiwan ganz China bei den Vereinten Nationen.
In den 70er-Jahren setzte allerdings in der amerikanischen Politik ein Umdenken ein. Die USA und China näherten sich an – 1972 besuchte Richard Nixon als erster US-Präsident die Volksrepublik. „Seither fahren die USA einen ambivalenten Kurs“, erklärt von Daniels. Peking ersetzte Taiwan im UN-Sicherheitsrat. 1979 erkannten die USA die Volksrepublik offiziell als einziges China an – Taiwan versprachen sie im Gegenzug, die Insel im Fall eines Angriffs zu verteidigen.
Gesetzlich
Dieses Versprechen ist Teil des „Taiwan Relations Act“ – ein Gesetz, das 1979 unter Präsident Jimmy Carter erlassen wurde. Wegen ihrer neuen Ein-China-Politik brachen die USA ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan ab. Das Gesetz sollte allerdings sicherstellen, dass Taiwan als eigener De-facto-Staat behandelt wird. Heißt: Trotz der fehlenden Diplomatie sollte sich in der Praxis nichts zwischen den USA und Taiwan ändern. Zudem verpflichteten sich die USA, „immer an der Seite Taiwans“ zu stehen.
In welchem Umfang die USA Taiwan im Ernstfall beschützen würden, entscheiden aber der Präsident und der Kongress. Bisher habe noch keine US-Regierung die Solidarität mit Taiwan infrage gestellt, meint von Daniels. „Man kann Präsident Biden nicht vorwerfen, dass er sich nicht immer klar an die Seite Taiwans gestellt hat“, sagt sie. „Und das ist überparteilicher Konsens – was in den USA sehr selten geworden ist.“
Strategisch
Taiwan ist laut von Daniels ein Schlüsselpunkt, um dem Aufstieg Chinas Grenzen zu setzen. US-General Douglas MacArthur nannte die Insel einst einen „unsinkbaren Flugzeugträger“ der USA. Eine Eroberung durch China würde Peking das Tor zum Pazifik öffnen. Denn Taiwan ist ein wichtiger Bestandteil der sogenannten „ersten Inselkette“: So bezeichnen Militärexperten den Zaun aus Japan, Taiwan, den Philippinen und Malaysia, der China vom pazifischen Raum trennt – und wo etliche US-Militärbasen stationiert sind. Zudem verlaufen zahlreiche Handelsrouten an Taiwan entlang.
Wirtschaftlich
Taiwan ist wegen seiner Mikrochip-Industrie für die gesamte Weltwirtschaft von enormem Interesse. Etwa 90 Prozent der modernen High-End-Halbleiter, die für Smartphones und Künstliche Intelligenz gebraucht werden, produziert der taiwanische Mikrochip-Riese TSMC. „Die USA wollen verhindern, dass die besonders hochleistungsfähige Halbleitertechnologie in chinesische Hände fällt“, sagt von Daniels. „Vor allem, was militärische Zwecke angeht.“
Mittlerweile baut TSMC seine zweite Fabrik im US-Bundesstaat Arizona. Kosten: 40 Milliarden Dollar – eine der größten ausländischen Investitionen in der Geschichte der USA. Auch abseits der Mikrochip-Industrie ist die Handelsbeziehung stärker als je zuvor: Taiwan ist eine wichtige Quelle für US-Importe von Schiffsmotoren, Eisen und Stahl. Der Handel zwischen den Ländern hat sich seit 2017 verdoppelt – insgesamt sind im vergangenen Jahr 68 Milliarden Dollar geflossen.