Kiew/Moskau – Kurz vor ihrer geplanten Frühjahrsoffensive hat die Ukraine Russland vorgeworfen, gezielt Wohngebiete zu attackieren. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie direkte Angriffe eben auf zivile Mehrfamilienhäuser oder Orte ausführen, an denen es viele Häuser der Zivilbevölkerung gibt“, sagte Präsidentenberater Mychajlo Podoljak.
Kiew wertet Russlands jüngste Militärschläge als Beleg für eine veränderte Taktik. Die direkten Angriffe auf zivile Häuser und Orte sollten zu einer verfrühten Gegenoffensive provozieren, meinte Podoljak. Dazu wolle der Kreml testen, ob die Ukraine in der Lage sei, den eigenen Luftraum zu schützen. Insbesondere in Uman forderte ein Raketeneinschlag in einem Wohnhaus am Freitag viele Todesopfer. Auch in der Stadt Pawlohrad im Gebiet Dnipropetrowsk verursachten russische Marschflugkörper schwere Schäden und töteten mindestens zwei Menschen.
Bei der Kontrolle des heimischen Luftraums erwartet die Ukraine bald Fortschritte. Mit ihrer Bitte nach ausländischen Kampfjets war sie bislang im Westen noch nicht erfolgreich, das könnte sich nach Einschätzung von Außenminister Dmytro Kuleba aber ändern: Es sei eine „Frage der Zeit“, bis die USA der Lieferung von F-16-Kampfflugzeugen zustimme. Ein Erfolg der ukrainischen Gegenoffensive habe Einfluss auf das Vorgehen Amerikas: „Wenn wir die F-16 bereits jetzt hätten, wäre die Gegenoffensive weitaus schneller.“
Beim nächsten Nato-Gipfel im Juli droht Kiew indes eine Enttäuschung hinsichtlich einer möglichen Mitgliedschaft. Nach dpa-Informationen haben zuletzt Bündnismitglieder wie die USA und Deutschland hinter verschlossenen Türen deutlich gemacht, dass sie vorerst keine Zusagen machen wollen, die substanziell über eine vage Nato-Erklärung aus dem Jahr 2008 hinausgehen. In ihr hatten die damaligen Staats- und Regierungschefs vereinbart, dass die Ukraine und Georgien Nato-Mitglieder werden sollen. Einen konkreten Fahrplan gab es aber nicht.
Russland hat nach Einschätzung von US-Geheimdiensten auf dem Gebiet der Ukraine in den vergangenen Monaten schwere Verluste erlitten. Seit Dezember seien mehr als 20 000 Soldaten getötet und rund 80 000 verwundet worden, sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrates, John Kirby. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte die Zahlen gestern „absolut aus der Luft gegriffen“. Washington verfüge nicht über diese Informationen.
Unterdessen behauptet das russische Verteidigungsministerium, dass allein im Monat April mehr als 15 000 Ukrainer getötet worden seien. Minister Sergej Schoigu behauptete bei Telegram, das russische Militär habe acht feindliche Flugzeuge, 277 Drohnen und 430 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sowie 225 Artilleriegeschütze abgeschossen. Zu eigenen Verlusten machte Schoigu keine Angaben. Das Ministerium fiel bereits mit überhöhten Angaben zu feindlichen Verlusten auf.
Nach Einschätzung britischer Geheimdienste verfügt Russland nicht über genügend Munition, um entscheidende Fortschritte zu erzielen. Moskau räume der Stärkung der Rüstungsindustrie zwar oberste Priorität ein, hieß es im Kurzbericht des Verteidigungsministeriums – die Branche werde dem hohen Kriegsbedarf jedoch nicht gerecht.
Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist derweil im russischen Grenzgebiet nahe der Ukraine ein Güterzug nach einer Explosion entgleist. In der Region Brjansk seien unweit der Siedlung Belye Berega am Dienstagabend eine Lokomotive und rund 20 Waggons „wegen illegaler Eingriffe in die Arbeit des Eisenbahnverkehrs“ von den Schienen abgekommen, teilte die russische Eisenbahn RZD mit.