Misstrauen ist ein sehr guter Ratgeber bei der Interpretation von Bildern und Botschaften aus Russland. Das gilt erst recht beim spektakulären Drohnen-Abschuss über dem Kreml. Eine russische Inszenierung – seht her, wir verteidigen uns gegen ukrainische „Terroristen“ – ist nicht ausgeschlossen. Der Abschuss ist schön ins Bild gesetzt, die reale Bedrohung war wohl klein. Ebenso denkbar ist aber, dass es Unterstützern der Ukraine tatsächlich gelang, den Kreml und damit Putin symbolisch vor der jährlichen Militärparade am 9. Mai zu attackieren.
Der Westen muss beides skeptisch sehen. Mit allen Waffenlieferungen an Kiew – viele Milliarden Euro schwer – war stets eine klare rote Linie verbunden: Sie sollen der überfallenen Ukraine eine effektive Verteidigung ihres Terrains ermöglichen, aber dürfen unter keinen Umständen für Angriffe auf russischem Staatsgebiet verwendet werden. Das ist keine Spitzfindigkeit, sondern elementar wichtig, um eine weitere Eskalation des Kriegs zu verhindern. Der Eindruck, dass diese Grenze im Lauf der Zeit verwischt, ist gefährlich.
Es wäre wohl auch eine naive Hoffnung, die Drohnen-Aktion könne die Stimmung in Moskau gegen Putin und seinen Krieg wenden. Falls das je gelingt, dann durch eine Kombination aus westlichen Sanktionen, weiterhin hohen russischen Verlusten und militärischem Erfolg der Ukraine bei Gegenoffensiven im eigenen Land.
Christian.Deutschlaender@ovb.net