München/Nairobi – Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) setzt bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels in Deutschland auch auf Experten aus Kenia. Man sehe „ein großes Potenzial für die Fachkräftemigration in vielen Bereichen unserer Wirtschaft“, sagte er am Freitag nach einem Gespräch mit Präsident William Ruto in Nairobi.
Deutschland wolle die reguläre Zuwanderung von Arbeitskräften stärken und gleichzeitig die illegale Migration zurückdrängen, kündigte Scholz an: „Das ist eine Win-win-Situation für die Länder, die daran teilnehmen.“ Aus Kenia könnten vor allem Fachkräfte aus der IT-Branche interessant sein. Die Hauptstadt Nairobi wird in Anlehnung an den Hochtechnologie-Standort Silicon Valley in den USA bisweilen als Silicon Savannah bezeichnet.
Bei seiner Reise, auf der den Kanzler eine zwölfköpfige Wirtschaftsdelegation begleitete, ging es aber nicht nur um fehlende Fachkräfte. Kenia, der wichtigste Handelspartner Deutschlands in Ostafrika, hat vor allem im Energiebereich eine Vorreiterrolle auf dem Kontinent. Nach Regierungsangaben gewinnt es 92 Prozent seines Stroms aus Erneuerbarer Energie, 2030 sollen es 100 sein. Der Stromverbrauch in Kenia beträgt allerdings nur etwa zwei Prozent von dem in Deutschland.
Scholz sagte, das Land habe dennoch eine große Strahlkraft im Kampf gegen den Klimawandel. „Kenia ist ein inspirierender Klimachampion.“ Ruto kündigte an, man werde als erstes afrikanisches Land dem von Scholz gemeinsam mit der G7-Staatengruppe gegründeten Klimaclub beitreten.
Kenia ist nicht der einzige Staat, der von Berlin umgarnt wird. Auf seiner Afrika-Reise vor einem Jahr warb Scholz im Senegal für ein gemeinsames Gasprojekt. Wirtschaftsminister Robert Habeck fädelte in Namibia eine Zusammenarbeit zur Produktion von grünem Wasserstoff ein.
Das Kräfteverhältnis hat sich verändert, verglichen mit den Zeiten, als Afrika-Politik für den Westen vor allem Entwicklungshilfe bedeutete. „Afrika ist sehr viel selbstbewusster im Umgang mit internationalen Partnern als vor 20, 30 Jahren“, sagt Jochen Luckscheiter, Leiter des Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Der Kontinent ist nicht mehr nur Adressat von Hilfsleistungen. Er ist auch ein großer und wachsender Markt, die Bevölkerung ist im Vergleich zum Westen sehr jung, es gibt viele Bodenschätze. Und Energiequellen.
Zudem hat Afrika auch politisch Gewicht. In der UN-Vollversammlung kommt der Kontinent auf 55 Stimmen. Als im Februar über eine Resolution abgestimmt wurde, die Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine verurteilte, enthielten sich 15 Staaten, zwei (Mali, Eritrea) votierten dagegen. Letzteres überraschte wenig. Seit Jahren tummeln sich russische Berater und Wagner-Söldner in Mali.
Der Faktor Ukraine wird vom Westen offenbar als moralisches Argument überschätzt. Afrika hat selber genug Erfahrung mit Kriegen und weiß, dass die in der ersten Welt selten dauerhaft interessieren. Europas Haltung werde „zum Teil als scheinheilig empfunden“, weiß Luckscheiter. Die Sorge um die Ukraine und das enorme Engagement lasse „vielen auf dem Kontinent die eigenen Konflikte als zweitrangig erscheinen“.
Dennoch sieht er „überhaupt keinen Vorsprung“ Russlands. Dessen Präsenz beschränke sich auf Staaten wie die Zentralafrikanische Republik oder eben Mali. „Das sind nicht unbedingt die bestimmenden Nationen des Kontinents.“ China engagiere sich zwar wesentlich umfangreicher mit Krediten und Infrastrukturprojekten. Aufgrund der historischen Beziehungen, die aus Kolonialzeiten stammen, sieht Luckscheiter aber weite Teile des Kontinents „immer noch stark mit dem Westen verbunden“.
Doch die Erwartungen sind groß. Ruto fordert mehr Engagement von den Industriestaaten bei der Unterstützung Afrikas im Kampf gegen den Klimawandel. Es müsste mehr Geld bereitgestellt werden – für Anpassung, Kompensation von Schäden, Investitionen. Win-win, das heißt für ihn, dass sich der Gast ins Zeug legen muss.