Prinz Harry als Zaungast

von Redaktion

VON R. MILLARD, C. TAIX UND B. VON IMHOFF

London – So schnell wird aus dem Superstar der königlichen Familie ein Zaungast. Als der Erzbischof von Canterbury am Samstag Charles III. in der Londoner Westminster Abbey die Krone aufsetzte, saß dessen jüngster Sohn Harry nur in der dritten Reihe, oft verdeckt von der großen Hutfeder seiner Tante Prinzessin Anne – und offen für alle sichtbar verbannt aus dem inneren Zirkel der Königsfamilie.

Die Schlammschlacht der vergangenen Monate rund um Harrys Rückzug mit seiner Frau Meghan und den Kindern in die USA, seine viel diskutierte Autobiografie und die öffentlichen Auftritte mit Angriffen auf seine Familie haben tiefe Wunden im Haus Windsor hinterlassen. Das wurde bei der Krönungszeremonie erneut deutlich. Harry saß weiter hinten, als es sein Rang als Fünfter in der Thronfolge eigentlich vorsieht. In einer Reihe mit Cousinen und Cousins – und mit seinem Onkel Prinz Andrew, der in Großbritannien wegen Missbrauchsvorwürfen in Ungnade gefallen ist und auf seinem Weg zur Kirche von Schaulustigen ausgebuht wurde.

Harry kam wie angekündigt allein nach London, Frau Meghan und die Kinder Archie und Lilibet blieben in Kalifornien. Weil er seine royalen Ehrentitel nach seinem Umzug in die USA abgelegt hatte, erschien Harry nicht in Uniform, sondern im Anzug. Mit seinem Bruder William und dessen Frau Kate wechselte er öffentlich sichtbar kein Wort. Stattdessen plauderte er beim Betreten der Kirche mit seinen Cousinen Beatrice und Eugenie. Schon am Freitag soll Harry Medienberichten zufolge heimlich in London angekommen sein – und dabei auch ein Gespräch mit seinem Vater geführt haben.

Auf den offiziellen Bildern bleibt er aber unsichtbar. Als sich seine Familie nach der Krönung auf dem Balkon des Buckingham Palasts dem Volk präsentierte und den Fans zuwinkte, fehlte Harry ebenso wie sein Onkel Andrew. Thronfolger William hingegen stand samt Ehefrau Kate und den gemeinsamen drei Kindern direkt neben dem Königspaar.

Harry war da offenbar –nach exakt 28 Stunden und 42 Minuten, wie die „Mail“ nachgerechnet hat – längst schon wieder auf dem Weg in die neue Heimat USA. Wie die Medien unter Berufung auf Airline-Mitarbeiter vermeldete, war der 38-Jährige schon am Samstagabend wieder in Los Angeles gelandet. Ein Grund für die schnelle Rückkehr: Harrys Sohn Archie feierte am Samstag seinen vierten Geburtstag – ohne offizielle Glückwünsche vom Palast.

Was bleibt von Harrys Blitzbesuch in London? Dass seine Stippvisite in der alten Heimat das Verhältnis zu Vater und Bruder merklich aufpoliert, gilt als fraglich. Die Distanz zwischen William und Harry bei der Krönungszeremonie zeigt, wie schwer der Konflikt zwischen den beiden Brüdern zu lösen sein wird – eine Bürde auch für die Regentschaft ihres Vaters Charles.

Zumal Harry im Vorfeld der Krönung angekündigt hatte, nach seiner aufsehenerregenden Biografie „Reserve“ noch genug Material für weitere Bücher in der Hinterhand zu haben. Sollte er mit neuen Vorwürfen gegen seine Familie nachlegen, dürfte das auch dem Ansehen von Charles und dessen Frau Camilla schaden. Für den König ist es ein schwieriger Spagat. Einerseits will er versöhnen und Harry sowie Ehefrau Herzogin Meghan Brücken bauen. Andererseits kann er deren Attacken auf Königin Camilla nicht zulassen. Als Reaktion warf er Harry aus dem Frogmore Cottage auf Schloss Windsor, das der Prinz bei Besuchen in der Heimat nutzte.

Es dürfte also ein weiter Weg zurück in den inneren Zirkel der Windsors werden. Und derzeit scheint fraglich, ob Harry diesen Weg überhaupt beschreiten will.

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