Nürnberg – Am Ende probiert er es piano, besonders leise. „Ich habe viel gelernt“, sagt Markus Söder ins Mikrofon. Er habe auch gelernt, mehr auf Team zu setzen. Söder gelobt, sich nicht mehr aus Bayern wegzubewerben, „hier gehör’ ich her, einmal Berlin reicht“. Spätestens jetzt, als er am Schluss ist, die Delegierten aufspringen und applaudieren, wird allen klar: Ist gut gegangen heute, wird ein hohes Ergebnis.
Oder, in Zahlen ausgedrückt: 700 Delegierte küren ihn direkt danach zum Spitzenkandidaten. Enthaltungen: null. Gegenstimmen: null. Söder nickt, winkt, wirkt ehrlich erleichtert und ein kleines Stück sogar berührt. „Das ist ein gutes Signal nach außen“, sagt er. „Ich bedanke mich sehr, sehr, sehr.“
Eigentlich ist es ja nur eine lästige Formalie und bei offener Abstimmung eh von geringem Erkenntnisgewinn – wen, wenn nicht ihn, soll die CSU in die Landtagswahl schicken? Söder erhofft sich aber Rückenwind und einen Ruck in seiner Partei durch diese Nominierung. Er ahnt, es würde tagelang nur über Gegenstimmen geredet, wenn im falschen Moment ein Delegierter den blauen Stimmzettel in die Hallenluft reckt.
Söder hat sich deshalb auf diese Rede intensiv vorbereitet. Er wirkt konzentriert, diesmal sitzen Schlüsselsätze und Pointen. Grußlos stürmt er am Vormittag die Bühne, eingeleitet nur von einem Video mit der pathetischen Botschaft, es sei „die Ehre meines Lebens, euch zu dienen“. Unvermittelt springt er in seine Rede: „Noch 155 Tage, 3728 Stunden“, ruft er, Blick auf den Wahltermin 8. Oktober. Er weiß, dass für ihn viel davon abhängt, ob er die Delegierten so mitreißt, dass er nicht der einzige rastlose CSU-Wahlkämpfer bleibt.
Söders Mix: konservativer Kurs, Witze über Wokeness und Tofu-Weißwurst, dazu harte Attacke auf die Grünen, fundamental bis grob. „Korruption“ hält er Bundesminister Robert Habeck in der Graichen-Affäre vor. Nie mehr dürften die Grünen das Wort „Filz“ mit Blick auf die CSU in den Mund nehmen. Und spottet über den Atomenergie-Streit: „Bei Körnern flippen die Grünen aus, aber beim Wort ,Kern‘ kriegen sie Pickel. So kann man Zukunft verschlafen.“ Die Debatten über „kulturelle Aneignung“ nennt er „Schafscheiß“.
Aber auch: inhaltlich mindestens zwei Zugeständnisse. In der 99-Minuten-Rede erklärt sich Söder bereit, dem Bund die Uniper-Wasserkraftwerke abzukaufen. Dafür kämpft seit Monaten Grünen-Landtagsfraktionschef Ludwig Hartmann. Mehr noch: Söder kündigt an, eine Staatsfirma „Bayernwind“ zu gründen und damit Windräder im Staatswald zu bauen.
Auffällig auch: Söder bittet die Bayern, seine milliardenschwere Hightech-Agenda ernster zu nehmen. „Nerds statt Nörgler“ verlangt er. Das Investitionsprogramm stellt er in eine Reihe mit den größten Herausforderungen seines Lebens: Landesbank-Rettung und Corona-Krise. Über Letztere sagt Söder noch: „Es waren harte Zeiten. Es tut mir leid, dass nicht jede Verordnung die beste gewesen sein mag.“
Die Basis, soweit sie im Saal vertreten ist unter den 700 Delegierten, hat verziehen, lässt sich begeistern. Auch wer lange durch die Halle streift, hört kaum Gemaule. „Solide“, sagt eine (sonst) harte Kritikerin über die Rede, „die Seele gestreichelt“, sagt eine Abgeordnete. Auch die Promis ziehen mit. „Stark, argumentativ stark“, lobt der Ehrenvorsitzende Theo Waigel, kein Hochjubler. Söder habe aber auch gezeigt, er könne „Angriff und Polemik“.