Melnyks Attacke auf Nachfolger

Mehr als nur schlechter Stil

von Redaktion

VON MARC BEYER

Es wäre spannend zu erfahren, ob Andrij Melnyk im Originalwortlaut tatsächlich vom „Gesäß“ gesprochen hat, das sein Nachfolger angeblich nicht hochkriegt, oder ob er eine griffigere Vokabel wählte. Noble Zurückhaltung ist in seiner Zeit als ukrainischer Botschafter in Berlin nicht seine Stärke gewesen. Melnyk formuliert gerne drastisch, das hat die Menschen manchmal genervt, ist ihm umgekehrt aber auch oft besonders zugute gehalten worden. Nachvollziehbar war es in der Ausnahmesituation seines Landes allemal.

Nun ist Melnyk inzwischen Vize-Außenminister, schon deshalb sollte er seine Worte vorsichtiger wählen. Mit seiner rustikalen, teilweise rüden Attacke schadet er nicht bloß dem aktuellen Botschafter Oleksii Makeiev, sondern insgesamt dem Einsatz für weitere westliche Hilfen an Kiew. Die Bereiche, die Melnyk anspricht – Kampfjets, Kriegsschiffe, Nato-Beitritt –, sind hochsensibel. Haudrauf-Rhetorik ist da denkbar unangemessen.

Nicht nur der Stil ist schlecht, auch in der Sache liegt Melnyk falsch. Wie viel ein Diplomat für sein Land erreicht, hängt nicht von der Lautstärke des Plädoyers ab. Der Krieg ist weit über jene Phase hinaus, in der maximale Konfrontation nötig war, um den Westen aufzurütteln. Viele Menschen sind inzwischen mürbe und sehen neben dem Leid der Ukrainer auch den Einfluss auf ihr eigenes Leben mit Sorge. Auch an sie muss sich ein Botschafter richten. Da hilft es, wenn er auch die Zwischentöne beherrscht.

Marc.Beyer@ovb.net

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