Moskau – Immerhin die Staats- und Regierungschefs aus sieben verbündeten Ex-Sowjetstaaten sind am Ende doch noch kurzfristig zur großen Militärparade nach Moskau gekommen. Und so stand Kremlchef Wladimir Putin am Dienstag in internationaler Begleitung auf dem Roten Platz, als er Russland erneut als angebliches Opfer seines eigenen Angriffskriegs inszenierte. Anlässlich des 78. Jahrestags des sowjetischen Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg wiederholte Putin die Moskauer Propaganda-Behauptung, Russland verteidige sich in der Ukraine gegen einen neu erstarkenden Faschismus. Militärische Erfolge konnte der 70-Jährige unterdessen auch nach deutlich mehr als einem Jahr Krieg nicht vorweisen.
„Heute befindet sich die Zivilisation erneut an einem entscheidenden Wendepunkt. Gegen unser Vaterland wurde ein echter Krieg entfesselt“, sagte Putin mit Blick auf die in der Ukraine tobenden Kämpfe, die er vor mehr als einem Jahr selbst anordnete. Hinter ihm auf der Ehrentribüne hatten betagte Weltkriegs-Veteranen Platz genommen. „Aber wir haben den internationalen Terrorismus zurückgeschlagen, wir werden die Einwohner des Donbass beschützen und wir werden unsere Sicherheit gewährleisten“, fuhr der Kremlchef fort. Einmal mehr behauptete er zudem, die Ukraine sei zur „Geisel“ westlicher Staaten geworden, die Russland zerstören wollten. „Ihr Ziel besteht (…) im Zerfall und in der Zerstörung unseres Landes.“
Russland hat am 24. Februar 2022 einen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen – und rechtfertigt diesen immer wieder mit der nicht belegten Behauptung, der Westen habe Russland bedroht.
Nach Plan läuft es dabei aus Moskauer Perspektive allerdings ganz und gar nicht: So haben Russlands Truppen etwa die ostukrainische Stadt Bachmut, wo aktuell ein Frontabschnitt verläuft, trotz monatelanger und äußerst verlustreicher Kämpfe weiter nicht komplett erobert. Darüber hinaus ebbt die westliche Waffenhilfe für das angegriffene Land nicht ab, eine groß angekündigte ukrainische Gegenoffensive steht erst noch bevor. Und als wäre all das aus Kreml-Sicht nicht schon genug, treten in der russischen Militärführung seit Monaten auch immer offener Machtkämpfe zutage.
Die Parade in Moskau war unterdessen militärisch gesehen deutlich kleiner als in den Vorjahren. Entgegen anderslautender Ankündigungen des Verteidigungsministeriums marschierten letztendlich nur 8000 russische Soldatinnen und Soldaten auf – so wenige wie seit 15 Jahren nicht mehr. Weil unter ihnen auch Männer waren, die in den vergangenen Monaten in der Ukraine kämpften, erklärte Kiew die Veranstaltung kurzerhand zur „Mörderparade“. Im vergangenen Jahr hatten Putin noch rund 11 000 Militärangehörige bejubelt.
Weniger zu sehen gab es dieses Mal auch bei der Waffen-Show. Über den Roten Platz fuhren zwar gepanzerte Radfahrzeuge, die durchaus auch mit modernen Atomwaffen bestückt werden können. Aber moderne Kampfpanzer, die derzeit offenbar in der Ukraine dringender benötigt werden, waren nicht vertreten.
Auch der Flugteil der Parade fiel erneut aus. Im vergangenen Jahr war für die Absage schlechtes Wetter als Grund genannt worden, dieses Mal allerdings war der Himmel klar. Ob dahinter Sicherheitsbedenken standen, ließ der Kreml zunächst offen.