„Russland ist auf der Verliererstraße“

von Redaktion

München – Alle warten auf die ukrainische Gegenoffensive – laut Marcus Keupp hat sie längst begonnen. Die Ukrainer seien gerade dabei, Front und Hinterland aufzuklären und mit gezielten Angriffen die russische Treibstoffzufuhr zu unterbinden, sagte der Militärökonom von der ETH Zürich unlängst dem „Stern“. Die Panzer rollten erst zum Schluss. Im Interview spricht der 45-Jährige über die entscheidende Phase der Gegenoffensive – und erklärt, welche Rolle Drohnen dabei spielen.

Herr Keupp, der US-Militär-experte Michael Kofman sagt, die Ukraine könne eine Gegenoffensive bis in den Sommer durchhalten, aber ein durchschlagender Erfolg sei nicht sicher.

Ich würde Kofman gerne zurückfragen, auf welche Daten und Fakten er diese Einschätzung stützt. Russland hat durch den bisherigen Kriegsverlauf gewaltige Verluste an Menschen und Material erfahren. Russland begann seinen Angriffskrieg mit 170 000 Mann. Davon sind viele gefallen oder verwundet worden. Russland kann neue Rekruten ausheben. Aber sie sind unerfahren und haben keine Kampfmoral. Die russische Armee hat nicht mehr die Kraft für eine Offensive. Man erwartet vielmehr die ukrainische Gegenoffensive, es sind Schützengräben ausgehoben und Panzersperren aufgebaut worden. Dagegen werden die Ukrainer aber nicht in verlustreichen Sturmangriffen angehen.

Wie werden die ukrainischen Kräfte vorgehen?

Ein Beispiel. Alle diese Anlagen sind dank Luftaufklärung im Detail bekannt. Die Ukraine verfügt inzwischen über eine Spezialtruppe von zehntausend „Drohnenoperateuren“. Diese können kommerziell erhältliche Drohnen, die mit einer Handgranate bestückt sind, über die Schützengraben steuern und so die Verteidiger ausschalten.

Aber das ist noch keine Gegenoffensive…

Die ukrainische Gegenoffensive hat vermutlich schon begonnen, nur läuft sie anders, als man denkt. Wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind, wird an einer Stelle der entscheidende Vorstoß beginnen. Die Ukraine hat inzwischen neun mechanisierte Brigaden mit 60 000 Mann aufgestellt, die als Reserve für den Durchstoß bereitstehen. Diese Einheiten sind mit Leopard-Panzern und anderen westlichen Panzern ausgerüstet, die den russischen Modellen an Feuerkraft und Reichweite überlegen sind.

Die ukrainische Luftwaffe ist der russischen weit unterlegen. Sie verfügt nur noch über 80 Maschinen, Russland über 500. Kiew fordert deshalb westliche F-16-Kampfjets. Besteht nicht die Gefahr, dass Russland Luftüberlegenheit erlangt, wenn die Ukraine weitere Flugzeuge verliert?

Selbst mit ihrer alten Luftabwehr konnte die Ukraine die russische Luftwaffe zu Beginn des Krieges weitgehend in Schach halten. Inzwischen verfügt das Land über die modernsten westlichen Systeme, so dass ich nicht die Gefahr sehe, Russland könne Luftüberlegenheit erlangen. Trotzdem wäre es wichtig, die Ukraine bekäme diese F-16-Kampfjets. Die jüngsten Angriffe auf Odessa erfolgten mit Luft-Boden-Raketen, die von Flugzeugen nahe dem ukrainischen Luftraum abgefeuert wurden. Mit F-16 ließen sich derartige Angriffe vereiteln. Mit Holland laufen bereits Vorgespräche über die Lieferung von F-16.

Warum greift Russland überhaupt zivile Ziel an?

Es sind reine Terrorangriffe. Die Ukraine hat die massiven Angriffe auf ihr Stromnetz im Winter überstanden. So werden auch diese erneuten Angriffe keinen Erfolg haben. Sie erinnern an den Befehl Hitlers, London mit V2-Raketen zu beschießen, um die britische Zivilbevölkerung zu demoralisieren.

Am 27. März sagten Sie in einem Interview, Russland werde den Krieg im Oktober verloren haben. Wie beurteilen Sie die Lage fünf Wochen später?

Aufgrund der mir verfügbaren Daten und Fakten bleibe ich bei dieser Einschätzung. Wenn ich sage, Russland wird den Krieg im Oktober verloren haben, meine ich nicht, dass die Ukraine die Krim erobert hat und Russland eine Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Aber die militärische Lage wird für Russland unhaltbar geworden sein. Bedingt durch die vielen Fehlurteile von sogenannten Experten im Frühjahr 2022 herrscht vielfach noch die Vorstellung, Russland sei unbesiegbar. Das stimmt nicht. Russland ist bereits auf der Verliererstraße.

Interview: Hans Dieter Sauer

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