München – Maike Schaefer ringt an diesem frühen Sonntagabend nach Luft und nach Worten, was nicht nur am Abschneiden ihrer Partei liegt – aber sicher auch. Die Spitzenkandidatin der Bremer Grünen ist ins ARD-Studio gespurtet und soll jetzt dieses mittlere Desaster erklären, für das sie mitverantwortlich ist. Sie sei „enttäuscht“, sagt die 51-Jährige, das Ergebnis: „bitter“. Es werde „sicherlich auch Konsequenzen geben“.
Die Wahl im kleinsten Bundesland ist gelaufen – und sie sendet ein paar spannende Signale nach Berlin. Die SPD ist wieder stärkste Kraft, die Linke, bundesweit im freien Fall, kann ihr Ergebnis von 2019 fast halten; ähnlich wie die CDU, auch wenn die sich ein wenig mehr versprochen hatte. Wirklich schockiert ist man an diesem Abend aber nur bei den Grünen, die fast fünf Prozentpunkte verloren haben. Bundesparteichef Omid Nouripour spricht von einem „Tag der Demut“.
Für den Einbruch gibt es viele Gründe. Schaefer, die als amtierende Verkehrssenatorin in Bremens rot-grün-roter Koalition mit ihrer Autopolitik stark polarisierte, ist einer davon. Aber eine Landtagswahl ist stets auch Stimmungstest für die Bundesparteien. Der Ärger um den Heizung-Plan von Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat den Parteifreunden in Bremen nicht geholfen, der große Imageschaden nach der Affäre um Habecks Klima-Staatssekretär Patrick Graichen ebenso wenig.
Ein verschärftes Nachdenken über die gestrige Schlappe wird der Bundes-Partei nicht erspart bleiben, zumal jetzt noch unsicherer ist, ob die Bremer Grünen weiter mitregieren werden. Eine Neuauflage der jetzigen Koalition ist zwar rechnerisch absolut möglich. Am Sonntag gibt es aber schon erste Spekulationen darüber, ob Wahlsieger Bovenschulte eher zur Großen Koalition tendiert – wie die Kollegen in Berlin. Er sagt am Abend nur dies: Man werde auch mit der CDU und deren Spitzenkandidat Frank Imhoff reden.
Der zweite Bremer Wahlsieger ist bundesweit quasi unbekannt: die Bürger in Wut (BiW). Die rechte Kleinpartei kann ihr Ergebnis vervielfachen, in Bremerhaven kommt sie sogar über 20 Prozent. Dabei half ausgerechnet die AfD. Die ist in Bremen derart zerstritten, dass sie gar nicht erst zur Wahl zugelassen wurde. Grund: Zwei konkurrierende Landesvorstände hatten jeweils Kandidatenlistenlisten eingereicht. Der Bundesvorstand hätte klären müssen, welche davon legitim ist, doch das geschah nicht. Die Partei will die Wahl anfechten. Ist sie erfolgreich, könnte Bremen ein Berliner Wiederholungs-Szenario drohen.
Vorerst wird die AfD aber nicht mehr Teil der Bremischen Bürgerschaft sein. Auch die Liberalen müssen zittern. Das Wahlrecht in Bremen ist kompliziert, fixe Ergebnisse werden erst am Mittwoch erwartet. Es sieht aber so aus, als sei die FDP knapp drin.
Vorbehaltlos freuen kann sich vor allem einer: SPD-Mann Bovenschulte. Bei der Wahlparty hat er Tränen in den Augen. „Was für ein Tag“, sagt er, „was für ein Ergebnis.“ Der harte Kampf habe sich gelohnt. „Die Nummer eins, das sind wir.“ MARCUS MÄCKLER