Wer tritt Kretschmanns Erbe an?

von Redaktion

VON NICO POINTNER

Stuttgart – Es gibt so Sätze, die hört man von Winfried Kretschmann immer wieder. Zum Beispiel: „Geburtstag hat doch jede Kuh.“ Den hört man jedes Jahr von ihm. Uneitel klingt das. Aber nun wartet ein besonderer Tag auf den baden-württembergischen Ministerpräsidenten. Heute wird er 75 Jahre alt. „So alt werden Kühe nicht“, räumte der Grüne nun ein. Deshalb wolle er auch „gebührend“ feiern, mit einem Empfang im Neuen Schloss in Stuttgart, dann am Wochenende mit der Familie.

Knapp drei Jahre Amtszeit hat der Regierungschef des Autolands noch vor sich. Auch wenn man ihm das Alter gelegentlich anmerkt und Regieren „kein Ponyhof“ ist, wie er gerne betont, sieht Kretschmann nicht danach aus, als würde er vorzeitig abtreten wollen.

Mit Bürokratieabbau und Energiewende hat er sich richtige dicke Bretter im Ländle vorgenommen, auch wenn die Bohrtiefe auch nach zwölf Jahren im Amt mitunter bescheiden bleibt. Er wolle es sich selbst noch mal beweisen, heißt es in seinem Umfeld. Und bei gewissen Themen blüht der gern knorrige Kretschmann regelrecht auf. Als vor wenigen Tagen im Stuttgarter Naturkundemuseum eine neu entdeckte Wespenart nach ihm getauft wird, spricht er, studierter Biologe, von „einem der größten Tage“ seines Lebens.

Nirgendwo sonst führen die Grünen eine Regierung. Trotzdem ist klar: Im Frühjahr 2026 soll Schluss sein. Zur Landtagswahl tritt er nicht mehr an, dann wird Kretschmann 77 sein und sich um den Garten kümmern, ums Holzbasteln und seine Frau. Je näher das Datum rückt, desto mehr richtet sich der Blick auf die Frage, wer ihn beerbt.

Es wird jedenfalls kein „gmähds Wiesle“ für die Grünen, wie der Schwabe oft schon vor Wahlen betonte. Bei der Landtagswahl 2021 erreichten die Grünen fast 33 Prozent – eine große Portion davon war aber der Kretschmann-Faktor. „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der Teppich fliegt“ – den Satz hörte man damals fast täglich vom Ministerpräsidenten.

Damit der grüne Teppich keine Bruchlandung erleidet, sucht die Partei ein Verfahren, um einen Nachfolger zu bestimmen. Er selbst, auch ein gern wiederholter Spruch Kretschmanns, mische sich da keinesfalls ein, er sei schließlich kein Monarch. Klar ist: Viele Mandate hängen an dem Mann. Aber: „Der Kretschmann-Effekt schwindet“, sagt Aya Krkoutli, Landessprecherin der Grünen Jugend. „Die Partei braucht eigenes Profil, damit wir eine Chance für die Wahl haben.“

In der Partei hält man sich bedeckt, die Vorsitzende will zur Nachfolgefrage nicht mal ans Telefon gehen. „Das ist kein Thema, das wir außerhalb der Partei diskutieren“, schreibt sie. Aber intern wird gesprochen. Und bei den Südwest-Grünen gibt es gewichtige Stimmen, die der Meinung sind, Kretschmann müsse frühzeitig abtreten, damit sich ein potenzieller Nachfolger profilieren und mit Amtsbonus in die Wahl gehen kann. Immer häufiger hört man den Namen Cem Özdemir. Immer häufiger lässt sich der Bundeslandwirtschaftsminister im Ländle pressewirksam blicken. Der 57-Jährige ist ebenso Realo wie Kretschmann, er ist redegewandt – und vor allem im Gegensatz zu anderen Aspiranten bekannt beim Volk.

Vor einer guten Woche steht Özdemir mit Kretschmann auf einer saftigen Wiese in Kupferzell im Norden des Landes, sie reden über Landwirtschaft und Artenvielfalt. Ortstermin, Pressestatements. Özdemir lobt den Landesvater über den grünen Klee, er habe das Herz am rechten Fleck, sei unglaublich belesen. „Man lernt viel von ihm.“ Und, ja, Özdemir wiederholt: Kretschmann sei sein Vorbild. Später, auf einer Konferenz, wird er von „Maß und Mitte“ reden – auch so ein Kretschmann-Ausdruck. Distanz sieht anders aus.

Dennoch: Die Nachfolgedebatte kommt für die Grünen noch zu früh. Bewegung wird erst im kommenden Jahr erwartet, irgendwann nach der Europawahl und vor der Aufstellung der Listenplätze für die Bundestagswahl im Herbst. Auch Kretschmann hält eine Debatte für viel zu verfrüht. Oder, um einen weiteren seiner Sprüche zu zitieren: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

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