VON MIKE SCHIER
Falls Robert Habeck noch eine Entscheidungshilfe benötigte, half ein Blick ins neue Politbarometer: Die Grünen reagierten am Freitag zwar euphorisch, weil sich trotz allem noch immer eine Mehrheit von 56 Prozent für eine Wärmewende ab 2024 ausspricht – aber die bittere Wahrheit lautet, dass die persönlichen Werte für den zuständigen Minister auf einen absoluten Tiefstwert fallen. Merke: Die Menschen können bestens zwischen richtigem Anliegen und schlechter Umsetzung unterscheiden.
Habeck ist also gut beraten, wenn er jetzt – mit neuem Staatssekretär! – die ideologischen Scheuklappen ablegt und Kompromissbereitschaft signalisiert. Der Minister braucht diese politisch, weil sich die FDP in der Ampel immer entschiedener querstellt. Und er braucht sie in der Sache: Wie auch die Letzte Generation sollten die Grünen erkennen, dass sie dem richtigen Anliegen Klimaschutz kaum dienen, wenn sie mit allzu rigorosem Vorgehen größere Teile der Bevölkerung gegen sich aufbringen. In der Hitzigkeit der Debatte ist Deutschland absolute spitze, beim Klimaschutz trotzdem Mittelmaß.
Ob es noch gelingt, das zerbrochene Porzellan wieder zu kitten, ist fraglich: Habeck hätte mit den Verbänden vor dem Gesetzentwurf sprechen müssen – und nicht nach wochenlanger Aufregung. Trotzdem ist es natürlich richtig. Genauso wie es richtig ist, die Debatte nicht in die Zukunft zu verschieben, sondern bis zum Sommer abzuschließen. Was nicht heißt, dass alles ab Januar 2024 sofort in Kraft treten sollte. Klimaschutz wird ein Marathon, hektische Zwischensprints rauben nur Kraft.
Mike.Schier@ovb.net