VON GEORG ANASTASIADIS
Ausgerechnet der Kreml, der die Menschen in Kiew Tag und Nacht erbarmungslos bombardieren lässt, stilisiert sich nach dem frühmorgendlichen Drohnenangriff auf Moskau wieder als Opfer, diesmal ruchloser „terroristischer Angriffe“ der ukrainischen Armee. Die Empörung mag gespielt sein, doch die Unruhe ist echt: Je mehr es der Ukraine gelingt, russisches Territorium mit Gegenschlägen zu treffen, desto mehr wankt Putins Mär, bei der „Sonderoperation“ der russischen Streitkräfte laufe alles nach Plan. Dass die von Putin befehligte militärische Supermacht es nicht schafft, die eigene Hauptstadt wirkungsvoll zu schützen, dürfte in Moskau durchaus die Verunsicherung auslösen, die man in Kiew mit solchen Aktionen bezweckt, auch wenn die dortige Militärführung ihre Hände offiziell in Unschuld wäscht. Das strategische Kräfteverhältnis hat sich umgekehrt: Die Ukraine ist in 15 Monaten Krieg zu einer starken Militärmacht herangereift. Umgekehrt sind Putins und Medwedews unablässige Atomdrohungen, die die Verbündeten der Ukraine von weiterer Militärhilfe abhalten sollten, in den westlichen Hauptstädten, zumal beim Kanzler, verpufft.
Das Kriegsglück zu ihren Gunsten wenden kann die Ukraine mit solchen eher symbolischen Erfolgen freilich nicht (zumal ihr der Einsatz hochpräziser westlicher Waffensysteme gegen russisches Territorium von ihren westlichen Partnern aus guten Gründen verboten ist). Um Putin an den Verhandlungstisch zu zwingen, bräuchte es im Rahmen der Frühjahrsoffensive schon Erfolge an der Front im eigenen Land, vor allem auf der Krim. Diesen Beweis eigener Stärke ist Selenskyj seinen Verbündeten noch schuldig.
Georg.Anastasiadis@ovb.net