Berlin/Vilnius – Erst eine feste Umarmung, dann ein inniger Kuss und schließlich ein paar Freudentränen – auf dem Rollfeld des Flughafens in der litauischen Hauptstadt Vilnius spielen sich freudige Szenen ab. Während die Sonne gerade orange-rot versinkt, sehen zwölf hier stationierte Bundeswehr-Soldaten erstmals seit Monaten ihre Ehefrau, ihre Mutter oder ihr Kind wieder. „Ich find’ das cool. Nach vier Monaten quasi nur per Bild ist das schon ein tolles Gefühl“, sagt Hauptmann Patrik Huch, der mit seiner Frau Mareike in dieser langen Zeit nur per Video-Chat gesprochen hat.
Dass sie sich nun vor dem kurz zuvor gelandeten Luftwaffen-Airbus wieder in den Armen halten können, haben die Soldaten und ihre Familienangehörigen dem Bundespräsidenten zu verdanken. Frank-Walter Steinmeier ist nach Vilnius gekommen, um anlässlich des 700-jährigen Stadtjubiläums bei einer Konferenz zu den deutsch-litauischen Beziehungen eine Rede zu halten. Er will die Gelegenheit nutzen, um nicht nur den hier stationierten deutschen Soldaten für ihren Einsatz zu danken, sondern auch ihren Angehörigen zu Hause. Die Soldaten würden dafür wertgeschätzt, was sie zum Schutz von Freiheit und Demokratie leisteten, sagt Steinmeier, als er die Angehörigen vor dem Abflug erstmals trifft. Vielleicht habe man bisher aber nicht genügend berücksichtigt, dass dies seine Voraussetzungen habe. „Und die Voraussetzungen liegen zu einem großen Teil bei Ihnen.“
Mareike Huch freut sich zwar auf ihren Mann, findet aber das ganze Drumherum mit dem Bundespräsidenten „noch einen Tick aufregender“, wie sie vor dem Abflug lachend sagt. „Die Reise ist aufregender, als meinen Mann zu treffen, weil den kenne ich. Da weiß ich ja, was mich erwartet.“ Regulär würde sie ihren Mann erst Anfang/Mitte August wiedersehen – dass sie jetzt zumindest für 24 Stunden mit ihm vereint ist, lässt sie später auf dem Rollfeld in Vilnius aber doch strahlen.
Die Bundeswehr führt im litauischen Rukla einen multinationalen Gefechtsverband, der dem Schutz der Nato-Ostflanke gegen eine mögliche russische Aggression dient. Jedes Kontingent ist in der Regel ein halbes Jahr lang hier stationiert. Derzeit sind es rund 760 Soldatinnen und Soldaten, überwiegend vom Panzergrenadierbataillon 401 in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern).
Dass ihre Männer und Frauen, Väter und Mütter, Söhne und Töchter nur rund 100 Kilometer von der russischen Grenze entfernt stationiert sind, sehen die Angehörigen relativ gelassen. „Für uns als Familie ist das ein beruhigenderer Standort als die Zeit, wo mein Mann in Afghanistan war“, sagt Yvonne Haase. „Da war mehr Sorge, größere Angst.“ Jetzt habe sie das Gefühl, ihr Mann sei ein bisschen greifbar. „Wir sind 883 Kilometer voneinander getrennt. Ich sage immer: Mensch, Schatz, in zwölf Stunden könnte ich da sein, wenn etwas ist.“ U. STEINKOHL/A. WELSCHER