Masken-Krimi um den kleinen Pinguin

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München/Grünwald – Es ist ein Auftritt, den Bayern lange nicht vergessen wird. In wallendes Gewand gehüllt, mit Schal, Maske, Kappe und verspiegelter Sonnenbrille getarnt trat Andrea Tandler vor einem Jahr vor den Untersuchungsausschuss des Landtags. Sie wollte nicht erkannt und möglichst nicht gefilmt werden. Der Plan ging nicht recht auf – die Maskerade war so bizarr, dass es die Fotos in sämtliche Zeitungen schafften, ja sogar ein Tandler-Double am Nockherberg verspottet wurde.

Nun erhält Tandler wohl eine neue Gelegenheit, an ihrem öffentlichen Auftritt zu feilen. Die Unternehmerin, Tochter eines früheren CSU-Generalsekretärs, muss in einigen Monaten bei einem langen und umfangreichen Prozess vor dem Landgericht München auftreten. Als Angeklagte. Ohne Maskerade. Die Staatsanwaltschaft München I hat am Dienstag öffentlich die Anklageerhebung gegen Tandler bestätigt.

Der moralische Vorwurf ist einfach: Sie hat in Zeiten der größten Corona-Not die damals knappen Schutzmasken an staatliche Stellen vertickt, also zwischen einem Anbieter aus der Schweiz und den Behörden vermittelt. Und dafür Provisionen in zweistelliger Millionenhöhe kassiert.

Das mag zum Himmel stinken – strafrechtlich relevant ist es nicht. Dass Tandler und einer ihrer Partner seit Januar in U-Haft sitzen, ist einem anderen Umstand zu verdanken: Die Ermittler wollen ihr 23,5 Millionen Euro Steuerhinterziehung bei den Maskendeals nachweisen.

Die Mitteilung der Staatsanwaltschaft liest sich wie ein kleiner Krimi. Demnach hat Tandler im April 2020 eine GmbH in Grünwald gegründet. „Little Penguin“ heißt das Konstrukt, übersetzt Zwergpinguin. Der Name kam wohl vom „Cafe Pinguin“ aus Haidhausen, das Tandler mitgehörte (und in dem, nebenbei erwähnt, etliche Landtagsabgeordnete abends verkehrten). Über die Firma wickelte Tandler ihre Provisionen ab; auch rückwirkend für Wochen, als es das Zwergpinguinchen noch gar nicht gab. Damit, so der Vorwurf der Staatsanwälte, soll sie Einkommensteuer in Höhe von 8,7 Millionen Euro gespart und den Staat um 4,4 Millionen geprellt haben.

Damit nicht genug: Die Ermittler haben große Zweifel, ob die Penguin-Firma jemals in Grünwald zu Hause war. Dort im vermögenden Süden von München sollen Tandlers Kumpane ein winziges Zimmer von 15 Quadratmetern angemietet und an 20 unterschiedliche Firmen weitervermietet haben. Kenner wissen: In der Landeshauptstadt sind 490 Prozent Gewerbesteueraufschlag fällig, in der Steueroase Grünwald nur 240. Man habe dem Finanzamt nur „vorgespiegelt“, dass „Little Penguin“ eine Betriebsstätte in Grünwald hatte, vermuten die Staatsanwälte – „die zum Tagesgeschäft gehörenden Entscheidungen der GmbH wurden von München aus getroffen“. 8,2 Millionen Euro hinterzogen, 4,2 Millionen Euro Schaden.

Der Vollständigkeit halber: Hinterzogene Schenkungssteuer steht auch im Raum, 6,6 Millionen Euro wegen eines Details, wie Tandler mit ihrem Partner die Gesellschaft gegründet hatte. Und, noch eine bizarre Fußnote der Geschichte: Tandler hatte für eine Werbeagentur in jenem April 2020 auch noch Corona-Soforthilfen bei der Stadt München beantragt und bekommen. 9000 Euro, inzwischen zurückgezahlt, in der Höhe Peanuts, aber vielsagend über den moralischen Kompass der Millionärin.

40 Bände Ermittlungsakten warten auf die 6. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts. Ob Tandler wie vor dem Landtags-Ausschuss zu schweigen gedenkt oder diesmal gesteht, ist offen. Dass sich viele in der Politik ein hartes Urteil wünschen, ist bekannt. Ex-Justizminister Winfried Bausback (CSU), der den U-Ausschuss leitete, will das laufende Verfahren nicht kommentieren. Er sagt aber: Wie Tandler die Pandemie „zum persönlichen Geschäftsmodell gemacht“ habe, während unzählige Helfer bis zur Erschöpfung um Leben gekämpft haben, das sei „moralisch nicht zu rechtfertigen“.

Winziges Zimmer in der Steuer-Oase

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