VON MIKE SCHIER
Deutschland erlebt ein Déjà-vu: Wieder streitet sich die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft mit der Bahn ums Geld. Wieder läuft es auf eine Eskalation hinaus. Wieder auf dem Rücken der Kunden, auch jener, die vor Kurzem durch das 49-Euroticket auf die Schiene umgestiegen sind. Vor drei Wochen erst kündigte die EVG großspurig einen 50-Stunden-Streik an, der in letzter Minute noch abgewendet wurde. Da hatten freilich schon Zehntausende ihre Planungen über den Haufen geworfen.
Jetzt droht alles von vorne zu beginnen. „Unzureichend“ und „sozial ungerecht“ sei das Angebot der Bahn, behaupten die Gewerkschafter. Da schluckt man schon, schließlich hat der Konzern über zwei Jahre Lohnerhöhungen von zwölf Prozent für untere, zehn Prozent für mittlere und acht Prozent für höhere Einkommen angeboten – sowie einen steuerfreien Inflationsausgleich von insgesamt 2850 Euro. Die Bahn kritisiert, die EVG beharre „einfach stur auf ihren Ausgangsforderungen“.
Natürlich: Für Gewerkschaften sichern Tarifkonflikte die Daseinsberechtigung. Heute mehr denn je. Allein Verdi verzeichnet seit Jahresbeginn 100 000 neue Mitglieder. Das zeigt, wie sehr in Zeiten hoher Inflation die Bedeutung von Lohnerhöhungen wächst. Die Streikbereitschaft nimmt zu, die Macht der Arbeitnehmer auch – schließlich werden in allen Branchen dringend Fachkräfte gesucht. Dennoch gilt es, nicht das Augenmaß zu verlieren. Zweistellige Lohnerhöhungen müssen Arbeitgeber auch wieder reinholen, im Zweifel von den Kunden. Denen der Bahn wird schon jetzt viel zugemutet.
Mike.Schier@ovb.net