VON GEORG ANASTASIADIS
„Das Herz der CDU schlägt in der Mitte“: Was NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst da in der „FAZ“ proklamiert, ist keine medizinische Sensation – sondern sein Griff nach der Unions-Kanzlerkandidatur und ein brutaler Angriff auf Parteichef Friedrich Merz. Es ist zudem die Aufkündigung des mühsam gewahrten Burgfriedens zwischen dem Merz- und dem Merkel-Flügel in der Partei und der Beginn eines potenziell zerstörerischen Machtkampfs. Zur Unzeit kommt er aus Sicht der CDU auch,weil er vom Aufstand der Basis bei den Grünen ablenkt.
Wüsts zwischen Allgemeinplätzen und Unverschämtheiten mäandernder Aufsatz gipfelt in einer Anklage des (namentlich nicht adressierten) CDU-Vorsitzenden, die die Grünen nicht böser hätten formulieren können: „Wer nur die billigen Punkte hervorhebt und sich mit Populisten gemein macht, legt die Axt an die eigenen Wurzeln und stürzt sich selbst ins Chaos.“ Der Angriff des Laschet-Zöglings pünktlich zum CDU-Parteitag zielt auf die Revision der mit haushoher Mehrheit erfolgten Merz-Wahl zum Parteichef. Dieses Signal der Befriedung wird durch den neu entbrannten Richtungskampf annulliert. Dabei unterliegt der spätgeborene Wüst einem herben geschichtlichen Irrtum, wenn er eine direkte Linie zwischen den „Mitte-Kanzlern“ Kohl und Merkel zieht: Anders als seine Nachfolgerin hat Kohl nie den Kernbestand der Unions-Programmatik einem schwankenden Zeitgeist geopfert. Kohls Wähler wussten immer, woran sie mit ihm waren.
Die CDU-Wahlkämpfer in Hessen, vor allem aber jene in den ostdeutschen Bundesländern, wo 2024 vier Landtagswahlen stattfinden, werden sich für die neu aufkommende Unruhe schön bedanken. Eine Wüst-CDU, die sich zurück nach Merkel sehnt, wäre ein weiteres Konjunkturprogramm für die AfD. Doch auch für den Bayern Markus Söder wird es zwischen Wüst, der nach links zieht, und seinem Koalitionspartner Aiwanger, der mit Erfolg die Konservativen umgarnt, zunehmend ungemütlich.
Georg.Anastasiadis@ovb.net