München – In deutschen Krankenhäusern sterben jedes Jahr tausende Patienten nur deshalb, weil ihre Behandlung nicht den höchsten Qualitätsstandards entspricht. Die gestern in Berlin vorgestellte Analyse einer Regierungskommission beziffert die Zahl der vermeidbaren Todesfälle allein im Bereich der Schlaganfälle auf rund 5000 pro Jahr. Bei Krebs müssten laut einer früheren AOK-Studie rund 4700 Patienten jährlich nicht sterben, wenn sie eine spezialisierte Klinik aufsuchen würden.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sieht sich durch die Befunde in seinem Plan bestärkt, im Klinikbereich stärker auf Spezialisierung zu setzen. „Die Krankenhausreform wird zehntausende Menschenleben retten pro Jahr“, sagte Lauterbach. „Qualität rettet Leben.“ Komplizierte Eingriffe sollten künftig „ausschließlich in spezialisierten Kliniken und durch sehr gut qualifizierte Mediziner erfolgen“, sagte er. „Nicht jedes Haus muss auch jede medizinische Behandlung anbieten.“
Wegen der hohen Krankenhausdichte in Deutschland müssten dabei auch „keine wesentlichen Einschränkungen der Erreichbarkeit in Kauf genommen“ werden, so die Regierungskommission.
Kritik an den Plänen kommt aus Bayern. „Die Menschen – gerade ältere und weniger mobile – brauchen eine wohnortnahe Versorgung“, sagte Bayern Gesundheitsminister Klaus Holetschek. Und die Krankenhausreform gefährde „die Versorgung gerade in der Fläche und besonders in Bayern“, warnte Holetschek.
Im Jahr 2021 gab es bundesweit 328 Standorte mit einer Schlaganfall-Spezialstation – sogenannte Stroke-Units –aber auch weitere 1049 Krankenhäuser behandelten Schlaganfälle. Würden Patienten nur noch in Stroke-Units gebracht, würde sich die durchschnittliche Fahrzeit um nicht einmal zwei Minuten verlängern, erklärt die Regierungskommission.
Wenn nur noch zertifizierte Zentren zur Krebsbehandlung zugelassen wären, würde bei Darm-, Brust- und Prostatakrebs die mittlere Erreichbarkeit für die Bevölkerung unter oder um 20 Minuten liegen. Dies wäre „unverändert exzellent“ im Vergleich zu europäischen Nachbarländern, so die Analyse.
In Deutschland gibt es rund 1900 Krankenhäuser. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte kürzlich erklärt, dass es innerhalb von zehn Jahren bis zu 20 Prozent weniger Klinikstandorte geben werde als heute. Das sei eine realistische Größenordnung, um eine gute Balance zwischen wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung zu erreichen.
Neben dem Bereich Schlaganfall legt die Analyse einen Schwerpunkt auf die Behandlung von Krebskrankheiten. So hätten etwa Brustkrebs-Patientinnen einen fast 25 Prozent höheren Überlebensvorteil bei Erstbehandlung in einem zertifizierten Spezialkrankenhaus, heißt es in der Analyse. Insgesamt könnten jährlich 20 404 Lebensjahre von Krebspatienten gerettet werden, würde die Behandlung in zertifizierten Häusern nach höchsten Standards stattfinden, schreibt die Kommission. Diese Kennzahl lasse sich nicht präzise in vermeidbare Todesfälle umrechnen, weil die Heilungschancen unterschiedlich ausfallen. Bisher würden je nach Krebsart zwischen 35 und 84 Prozent der Patienten in spezialisierten Kliniken behandelt. Dass komplizierte Eingriffe nur noch in spezialisierten Kliniken durchgeführt werden sollen, ist einer der zentralen Punkte von Lauterbachs Klinik-Reformplänen, über die er seit Monaten mit den Ländern verhandelt.
Sollte es keine Einigung geben, will Lauterbach laut „SZ“ Qualitätsdaten zu jedem einzelnen Krankenhaus und jeder erbrachten Leistungsgruppe öffentlich machen. Aber schon jetzt gibt es ein unabhängiges Zertifizierungssystem: Jeder Patient kann sich auf den Internetseiten der Kliniken darüber informieren, welche Abteilungen der Klinik eine Zertifizierung, also quasi ein Qualitätssiegel, haben.