Saporischschja: Droht ein Anschlag?

von Redaktion

Kiew/Moskau/Wien – Es gibt kaum einen sensibleren Ort in diesem Krieg als das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja. Schon kurz nach Kriegsbeginn besetzten russische Truppen Europas größtes AKW; seither werfen sich Kiew und Moskau immer wieder gegenseitig Attacken auf die Anlage vor. Doch so heikel wie jetzt war die Lage nie. Beide Seiten bezichtigen sich, einen Anschlag zu planen. Laut ukrainischem Generalstab gibt es Sprengkörper auf dem Dach des AKW. Der Kreml behauptet indes, die Gefahr einer „Sabotage vonseiten des Kiewer Regimes ist groß“.

Die Lage im umkämpften Gebiet Saporischschja ist grundsätzlich extrem angespannt. Auch die Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA), die dauerhaft Experten zu dem Kraftwerk entsendet hat, ist besorgt. Der Berater beim russischen AKW-Betreiber Rosenergoatom, Renat Kartschaa, behauptet, Kiew plane einen Anschlag. Ziel sei es, unter dem Vorwand einer atomaren Bedrohung für ganz Europa die „rechtlichen Schleusen“ zu öffnen für einen direkten Eingriff der Nato und des Westens in den Krieg.

Allerdings hat die Ukraine aus Sicht des Militärexperten Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr München nicht die Fähigkeiten, das AKW von außen zu sprengen. Eine solche „Sprengung ist extrem kompliziert“, sagte er. Russland dagegen könnte mit einer Sprengung an dem von seinen Truppen kontrollierten AKW „Chaos stiften“.

Auch unabhängig von den Anschuldigungen ist die Sicherheitslage am AKW zunehmend heikel. Wegen des zerstörten Kachowka-Staudamms ist die Versorgung des Kraftwerks mit Wasser beeinträchtigt. Der Versorgungskanal kann dem Kühlteich kein Wasser mehr zuführen, der Wasserspiegel geht laut IAEA täglich um einen Zentimeter zurück. Der Wasserstand liege gerade bei über 16 Metern und garantiere das Funktionieren des Kühlsystems für mehrere Wochen. Die sechs Reaktoren befinden sich dabei im „Kaltbetrieb“. Nach einem unwahrscheinlichen kompletten Kühlsystemausfall hätte das Personal mehr als 48 Stunden Zeit, um das Problem zu beheben.

Die Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart sind durch eine dicke Stahlbetonschicht geschützt. Damit sollen sie sowohl den Absturz von kleinen Flugzeugen als auch Explosionen im Inneren überstehen können. Damit wäre auch eine ernsthafte Beschädigung durch Sprengsätze oder Artilleriebeschuss nur schwer möglich. Durch Beschuss gefährdet ist jedoch das nahe gelegene Atommüllzwischenlager. Über 170 Behälter aus Beton stehen unter freiem Himmel und würden einem Artillerieangriff kaum standhalten. Radioaktivität könnte bei einem Treffer eines Behälters freigesetzt werden. Die Folgen wären dabei jedoch örtlich begrenzt.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) beobachte die Lage am AKW seit Kriegsbeginn intensiv, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Nach Einschätzung des BfS stellen die Kampfhandlungen, die Stromversorgung und die Arbeitsbedingungen der Angestellten die größten Risikofaktoren dar. Zudem müsse alles getan werden, die Kühlung sicherheitsrelevanter Systeme des AKW zu gewährleisten.

Sollte es in der Ukraine zu einer Freisetzung von Radioaktivität kommen, wären die Folgen vor Ort womöglich erheblich, hieß es. „Für Deutschland wären die radiologischen Auswirkungen einer Freisetzung in der Ukraine begrenzt.“ Das BfS hat untersucht, wie sich Radioaktivität verbreiten würde. Demnach bewegten sich über ein Jahr hinweg in der Vergangenheit nur in etwa 17 Prozent der Fälle die Luftmassen aus der Ukraine nach Deutschland. Aufgrund der großen Entfernung würde es nach einer Freisetzung von radioaktiven Stoffen in den meisten Wetterlagen mindestens ein bis zwei Tage dauern, bis radioaktiv kontaminierte Luft nach Deutschland gelangt.

Die IAEA warnt seit Langem vor den Folgen einer Eskalation und drängt auf die Einrichtung einer Sicherheits- und Schutzzone um das AKW – bisher erfolglos. Wegen der heiklen Anschlags-Vorwürfe fordert IAEA-Chef Rafael Grossi nun aber dringend einen erweiterten Zugang zur Anlage. Es sei nötig, die „Abwesenheit von Minen oder Sprengstoff“ auf dem Gebiet zu bestätigen, erklärte er am Mittwoch. Es sei nun wichtig, die Fakten vor Ort zu prüfen und eine „unabhängige und objektive Bewertung“ der Situation vorzunehmen.  dpa/afp

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