VON GEORG ANASTASIADIS
Müssen die Deutschen fürchten, dass nach den französischen Banlieus irgendwann auch die Brennpunktviertel Berlins und des Ruhrgebiets in Brand geraten? Anders als die AfD, die im Bundestag jetzt die ganz große Alarmglocke läutete, sieht Olaf Scholz dafür keine Anzeichen. Er wäre auch ein schlechter Kanzler, würde er nun Krawalle herbeireden. Die Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Bei allen Unterschieden zum sozial tief gespaltenen Frankreich, das viel früher und viel stärker muslimische Zuwanderungswellen erlebte, dessen Eliten von oben auf das „Gesindel“ (Sarkozy) in den Banlieus herabblicken und in dessen Polizei Rassismus ein größeres Thema ist: An Warnzeichen fehlt es auch bei uns nicht. Randale in Freibädern, Gewaltexzesse an Silvester, Clanschlachten in den Städten des Ruhrgebiets: So etwas gab es früher nicht.
Frankreich muss eine Warnung sein – für ganz Europa. Überforderung durch zu viel Zuwanderung, begleitet von zu wenig Integration, ist gefährlich. Acht Jahre nach Beginn der Asylkrise agiert Deutschland in der Migrationspolitik noch immer zögerlich, anders als etwa Schweden. Das beginnt bei der mangelnden Begrenzung irregulärer Zuwanderung, bei der sich Berlin in Brüssel bis zuletzt als Bremser hervortat, und endet bei der Tabuisierung von Debatten über Integration, die zum Glück nicht flächendeckend, aber viel zu oft misslingt, ablesbar an zunehmenden homophoben, antisemitischen und frauenverachtenden Einstellungen, beunruhigenderweise oft bei Migranten der zweiten oder dritten Generation.
Eine gerade vorgestellte Regierungsstudie beklagt eine wachsende Muslimfeindlichkeit in der deutschen Bevölkerung. Die umgekehrte Frage, wie es in bestimmten migrantischen Milieus um den Respekt für den aufnehmenden Staat und seine Repräsentanten bestellt ist, hat man nach der Berliner Silvesternacht vorsichtshalber gar nicht erst gestellt. Frankreichs wütende junge Männer halten auch diesbezüglich einige unerfreuliche Antworten bereit.
Georg.Anastasiadis@ovb.net