München – Ihren ersten öffentlichen Auftritt bestritt sie mit Tränen in den Augen, bei den Trauerfeierlichkeiten für Nordkoreas verstorbenen Diktator Kim Jong-il. Wer die junge Frau war, die da im Dezember 2011 weinend neben Kims Sohn und Nachfolger Kim Jong-un stand, wusste damals niemand. Erst Jahre später war klar: Es handelte sich um Kim Yo-jong, Kim Jong-uns Schwester und engste Vertraute. Heute ist Kim Yo-jong die Nummer zwei in Nordkorea – und noch immer ein Geheimnis. Lee Sung-yoon, der an der Tufts University nahe Boston lehrt, hat versucht, diese rätselhafte Frau zu entschlüsseln. Sein Buch „The Sister“ ist Mitte Juni auf Englisch erschienen.
Herr Lee, in Ihrem Buch bezeichnen Sie Kim Yo-jong als „mächtigste Frau Nordkoreas“. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Kim Yo-jong ist nicht nur die mächtigste Frau im heutigen Nordkorea, sondern die mächtigste Frau in der gesamten koreanischen Geschichte. Und ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass Kim Yo-jong heute die mächtigste Frau der Welt ist.
Wieso?
Kim Yo-jong ist die erste nukleare Despotin der Welt. Eine Diktatorin, die den Finger auf dem Atomknopf hat. Sie hat mehrfach damit gedroht, die nordkoreanischen Atomstreitkräfte auf Südkorea loszulassen und das Land vollständig zu zerstören, falls Südkorea eine einzige Kugel nach Nordkorea abfeuert.
Wie ernst muss man solche Drohungen nehmen?
Nordkorea ist eine tickende Zeitbombe. Es ist eine absolute, mittelalterliche Monarchie. Die Regierung ist gegenüber anderen Institutionen wie dem Parlament, der Öffentlichkeit oder der Justiz nicht rechenschaftspflichtig. In Nordkorea gibt es keine Gewaltenteilung, keine Kontrolle. Selbst Xi Jinping, der chinesische Präsident, muss es bis zu einem gewissen Grad seinen Genossen in der Kommunistischen Partei recht machen. Kim Yo-jong aber hat echte Macht, sie ist nicht nur eine Galionsfigur mit einem hübschen Gesicht.
Aber trifft nicht letztendlich ihr Bruder alle wichtigen Entscheidungen?
Ich weiß nicht, welche Befugnisse Kim Jong-un an seine Schwester delegiert hat, aber ich will Ihnen ein Beispiel nennen für Kim Yo-jongs Macht. Im Juni 2020 gab sie eine schriftliche Erklärung ab, in der sie damit drohte, ein von Südkorea finanziertes Verbindungsbüro in die Luft zu sprengen, ein vierstöckiges Gebäude, das sich in Nordkorea befindet. Und nur drei Tage später ließ sie das Gebäude am helllichten Tag tatsächlich in die Luft jagen, live übertragen vom Staatsfernsehen. Es war ein theatralisches Schauspiel.
Ist Kim Yo-jong nur deshalb so mächtig, weil sie die Schwester von Kim Jong-un ist?
Nein. Sie ist es auch dank ihres Talentes und ihres Ehrgeizes. Ihr Vater, Kim Jong-Il, der von 1994 bis 2011 an der Macht war, pflegte seinem japanischen Sushi-Koch zu sagen, dass seine Tochter sehr fähig sei. Und dass er sie, wenn sie kein Mädchen, sondern ein Junge wäre, zu seiner Nachfolgerin ernennen würde. Kim Yo-jong ist sehr scharfsinnig, sehr klug. Sie ist weltgewandt. Leute, die sie getroffen haben, sagen, dass sie sehr kosmopolitisch ist, sehr gut über die Außenwelt Bescheid weiß. Und anders als ihr Bruder spricht sie Englisch.
Nordkorea hat allerdings nie offiziell bestätigt, dass sie überhaupt die Schwester von Kim Jong-un ist.
Das stimmt, aber jeder weiß es. Es ist eben die nordkoreanische Art, die Nummer zwei im Staat oder den möglichen Nachfolger des Herrschers nicht in den Mittelpunkt zu stellen.
Eine Zeit lang gab es Hoffnung auf eine Entspannung zwischen Nordkorea und dem Westen, Donald Trump und Kim Jong-un trafen sogar zusammen. Heute hetzt Kim Yo-jong wieder öffentlich gegen Südkorea und die USA.
Wir neigen dazu, Nordkorea zu unterschätzen. Das Kim-Regime ist nicht verrückt. Nordkorea ist sehr berechnend und sehr manipulativ, sie wissen, wann sie eskalieren können und wann sie ein nettes Lächeln aufsetzen und zu Gesprächen aufrufen müssen. Und sie sehen, was ihnen das bringt: Durch diese Zyklen von Provokationen und Friedensbemühungen hat Nordkorea seit Anfang der 1990er-Jahre 20 Milliarden US-Dollar in Form von Bargeld, Lebensmitteln, Treibstoff und anderen Gütern erhalten. Wenn man sich also die Bilanz ansieht, hat Nordkorea heute Dutzende von Atomwaffen und Hilfe im Wert von über viele Milliarden Dollar.
Interview: Sven Hauberg