Monatelang ließ Recep Tayyip Erdogan die Schweden in ihrer Nato-Hoffnung zappeln und warf ihnen vor, Terror – oder das, was er dafür hält – zu halbherzig zu bekämpfen. Wer das ernst nahm, wurde spätestens gestern eines besseren belehrt. Es ging dem türkischen Präsidenten nur vordergründig um den Umgang Stockholms mit der kurdischen PKK oder provokative Koranverbrennungen. In Wahrheit wollte er den Preis für seine Zustimmung nach oben treiben. Das gipfelte im gestrigen Versuch, sich einen Freifahrtschein in die EU zu erpressen. Selbst für seine Verhältnisse war das besonders skrupellos.
Vielleicht ist so ein Geschachere in Erdogans Kosmos üblich, aber das zeigt umso mehr, dass die von ihm zurechtgestutzte, in vielerlei Hinsicht entdemokratisierte Türkei nichts in der EU zu suchen hat. Eigentlich musste man davon ausgehen, dass auch Ankara kein Interesse mehr an Europa hat, jenem Kontinent, den Erdogan mal als „in jeder Hinsicht verrottet“ bezeichnete. Aber verrottet hin oder her, die EU verspricht Geld; und Erdogan, Vertreter einer wahnwitzigen Wirtschaftspolitik, braucht viel davon.
Am späten Montagabend lenkte der türkische Präsident doch ein – vielleicht auch, weil Nato-Generalsekretär Stoltenberg ihm klarmachte, dass er nicht mal einen Gedanken daran verschwenden würden, auf diesen Kuhhandel einzugehen. Immerhin: Dass die Hürden für einen schwedischen Nato-Beitritt nun offenbar beseitigt sind, ist nicht nur für das Sicherheitsinteresse der Skandinavier, sondern auch für das der Nato-Verbündeten eine gute Nachricht.
Marcus.Maeckler@ovb.net