Washington – Es machen mal wieder wilde Geschichten die Runde. Der russische Rechtsnationalist Igor Girkin behauptet, in Wladimir Putins innerstem Kreis rege sich immer größerer Widerstand. Auf Telegram behauptet der Nationalist, die Machtverhältnisse hätten sich verschoben. Der nächste Putsch werde vorbereitet. Ersetzt werden solle Putin durch ein Mitglied der sogenannten „Osero-Kooperative“. Teil der Gruppe sollen unter anderem Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin sowie Sergej Kirijenko, Putins erster stellvertretender Stabschef, sein. „In den kommenden Monaten sind neue Kampagnen zu erwarten“, schrieb Girkin.
Was davon stimmt? Unklar. Sicher ist: Nach der Kritik des inzwischen abgesetzten russischen Generals Iwan Popow an der Kriegsführung sehen westliche Experten schwere Probleme in Moskaus Kommandostrukturen. Popows Absetzung im Zuge seiner Kritik an Missständen und dem hohen Verlust russischer Soldaten bestätige, dass Moskaus Verteidigungsstellungen in der Ukraine „wahrscheinlich brüchig“ seien, hieß es in einer Analyse des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW). Die Experten verwiesen auf frühere Einschätzungen, nach denen die Russen keine Reserven etwa für Rotationen hätten.
Popow, der die 58. Armee in der besetzten ukrainischen Region Saporischschja befehligt hatte, habe sich mit seiner Kritik auf eine Stufe mit anderen gestellt, hieß es. So hatte etwa Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin Generalstabschef Waleri Gerassismow und Verteidigungsminister Sergej Schoigu Unfähigkeit vorgeworfen. Auch Popows Ziel könne es gewesen sein, Gerassimow als Oberbefehlshaber für den Krieg gegen die Ukraine zu beseitigen.
Wo sich Prigoschin aktuell aufhält, ist weiterhin unklar. Am Freitag veröffentlichte die Wagner-Gruppe ein Bild ihres Chefs, das ihn spärlich bekleidet in einem Zelt zeigt. Es ist das erste Lebenszeichen Prigoschins seit dem abgebrochenen Putschversuch im Juni. Ob er sich in Belarus oder Russland aufhält, geht aus dem Bild nicht hervor.
Nach Einschätzung der ISW-Experten sind die russischen Streitkräfte in der Defensive und setzen alles daran, ihre Stellungen zu halten. Derweil führe die ukrainische Armee ihre Gegenoffensive an mindestens drei Abschnitten der Front fort und verzeichne in einigen Regionen Gebietsgewinne.
Putin hat nach eigenen Angaben den Wagner-Kämpfern angeboten, künftig unter einem anderen Befehlshaber zu dienen – dies wurde nach seinen Worten aber von Prigoschin abgelehnt. Wagners Soldaten „hätten an einem Ort zusammengeführt werden und weiter dienen können“, sagte Putin der Zeitung „Kommersant“.
Für die Söldner hätte sich dadurch „nichts geändert, sie wären von der Person geführt worden, die während der ganzen Zeit ihr eigentlicher Befehlshaber war“, sagte Putin. Bei der von Putin bei einem Treffen mit der Wagner-Gruppe am 29. Juni vorgeschlagenen Person handelte es sich um einen Wagner-Kommandeur mit dem Decknamen „Sedoi“ (Grauhaar), der in den vergangenen 16 Monaten die Söldner an der ukrainischen Front angeführt haben soll. Zahlreiche anwesende Kommandeure hätten nach seinem Vorschlag mit dem Kopf genickt, Prigoschin habe den Vorschlag jedoch abgelehnt.