Kiew/Odessa – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die massiven russischen Angriffe auf die Hafenanlagen in Odessa mit dem Ende des Getreideabkommens in Verbindung gebracht. „Die russischen Terroristen zielen absolut bewusst auf die Infrastruktur des Getreideabkommens, und jede russische Rakete ist ein Schlag nicht nur auf die Ukraine, sondern auf alle in der Welt, die ein normales und sicheres Leben anstreben“, schrieb der Staatschef am Mittwoch bei Telegram. Dem Militär sei die Anweisung gegeben worden, die Hafeninfrastruktur besser zu schützen, etwa mit mehr Flugabwehr.
Das Außenministerium solle gleichzeitig an verstärktem internationalem Druck für eine „Fortsetzung des normalen Exports von ukrainischem Getreide“ arbeiten. Russland hatte das Abkommen zur Verschiffung von ukrainischem Getreide über das Schwarze Meer am Montag gestoppt. In der Nacht zum Mittwoch griff das russische Militär zum zweiten Mal in Folge Hafenanlagen im Gebiet Odessa mit Raketen und Drohnen an. Berichte über Luftangriffe gab es auch aus anderen Gebieten.
Zu den Angriffen auf Odessa teilte das ukrainische Infrastrukturministerium mit, es seien Getreideterminals und Anlagen in den Häfen Odessa und Tschornomorsk beschädigt worden. In der Nacht zuvor hätten die Angriffe dagegen Anlegestellen und Speichern im Hafen Odessa gegolten. Agrarminister Mykola Solskyj in Kiew sagte, dass 60 000 Tonnen Getreide durch die Attacken vernichtet worden seien. Der Hafen Tschornomorsk werde erst nach Reparaturen, die mindestens ein Jahr dauerten, wieder voll einsatzfähig sein.
In Moskau bestätigte das Verteidigungsministerium die neuen Angriffe auf Odessa von Flugzeugen und Kriegsschiffen aus. Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow behauptete allerdings, es seien im Bereich der Stadt Objekte der Militärindustrie, Treibstoffanlagen und Munitionsdepots unter Beschuss genommen worden. Das Ministerium hatte bereits die vorherigen Angriffe als Vergeltung für die mutmaßlich durch ukrainische Wasserdrohnen beschädigte Brücke zur Krim bezeichnet. Am Montag war nicht nur die Brücke beschädigt worden. Es liefen auch die russischen Sicherheitsgarantien für den Export von Agrargütern aus drei ukrainischen Häfen aus.
Das Verteidigungsministerium gab gestern auch bekannt, dass es nach dem Ende des Getreideabkommens Schiffe in den betroffenen Gebieten des Schwarzen Meeres als mögliche Gegner einstufen werde. Ab Mitternacht würden sie als „potenzielle Träger militärischer Fracht“ gewertet. Zudem würden Länder, unter deren Flagge Frachtschiffe auf dem Weg in ukrainische Häfen fahren, künftig als Konfliktparteien auf Seiten Kiews gewertet.
Unterdessen sind auf einem russischen Militärgelände der Krim am Mittwoch große Mengen Munition in die Luft geflogen. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtete von Explosionen. Zuvor hatten örtliche russische Behörden nur von einem Brand auf dem Truppenübungsplatz nahe der Stadt Stary Krym im Osten der Halbinsel gesprochen. In Moskau wurde Präsident Wladimir Putin über das Ereignis informiert.
Tass veröffentlichte ein bei Tageslicht aufgenommenes Video, das eine Kettenexplosion von Munition zeigte. Ähnliche Videos, aber aufgenommen bei Nacht, wurden schon seit dem Morgen im Internet geteilt. Demnach schienen die Explosionen über Stunden anzudauern.
Aus vier Dörfern in der Nähe wurden etwa 2200 Menschen in Sicherheit gebracht, wie der russische Krim-Verwaltungschef Sergej Aksjonow mitteilte. Ein Teil der wichtigsten Straße über die Halbinsel von Simferopol nach Kertsch im Osten der Halbinsel sei gesperrt worden. Der Verkehr werde örtlich umgelenkt.