München – Was der Welt gerade noch gefehlt hat, ist offenbar ein Schwarm Wildbienen. Die Aktivisten der „Letzten Generation“, die sich von Reportern des MDR haben begleiten lassen, suchen bereits eifrig, aber so richtig kommen sie nicht voran. Wildbienen bezeichnen in der Sprache der Aktivisten die ganz Radikalen, die sich nicht nur festkleben oder anketten, sondern massive Opfer in Kauf nehmen: Haft oder hohe Geldstrafen. Man müsse die Leute darüber aufklären, dass auch mit einem Einkommen unterhalb der Pfändungsgrenze – aktuell 1402 Euro – „ein erfülltes Leben“ möglich sei, sagt eine junge Frau. Sie selber, so kommt es jedenfalls rüber, sieht sich eher nicht als opferbereite Wildbiene.
Die Dokumentation ist schon zwei Monate alt, aber der Schnipsel sorgt seit ein paar Tagen in den Sozialen Medien für Widerhall. Passend dazu ist gestern eine Studie vorgestellt worden, die vieles von dem, was in der Szene unterschwellig mitschwingt, mit Zahlen und Fakten erhärtet. Die gemeinnützige Organisation „More in Common“ ist der Frage nachgegangen, wie die Gesellschaft auf die Klimabewegung schaut. Das Ergebnis ist niederschmetternd.
Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Bereitschaft, Klimaschutz zu unterstützen, von 68 auf 34 Prozent halbiert. Während Südeuropas Wälder brennen, die Hitzerekorde fallen und die Meere sich immer mehr erwärmen, verliert die Klimabewegung in Deutschland massiv an Rückhalt. Was scheinbar ein Widerspruch ist, hängt direkt zusammen mit den Aktivisten und ihrem Widerstand mit allen Mitteln.
Wo 2021 noch 60 Prozent der These zustimmten, die Umweltbewegung habe „das Wohl der gesamten Gesellschaft im Blick“, sind es heute nur noch 25. Der Rest ist buchstäblich auf der Strecke geblieben, wo festgeklebte Aktivisten den Weg auch für jene blockieren, die einfach nur zur Arbeit müssen. Drastisch reduziert hat sich auch der Anteil derer, die finden, dass die Klimabewegung „offen dafür ist, dass Leute wie ich bei ihr mitmachen“. Die Art von Klimaschutz, die mittlerweile die Schlagzeilen füllt – das Kleben, Sperren und Besudeln – ist nichts mehr für jedermann, sie ist eher aus- als einladend.
85 Prozent der Befragten finden dann auch, diese Art von Protest gehe zu weit. Das war mal anders. Noch vor zwei Jahren reagierte nur die Hälfte ablehnend, Teile der Gesellschaft äußerten sich deutlich wohlwollender, aber damals war Klimakampf auch noch nicht so radikal. Die Proteste der „Fridays for Future“-Bewegung waren laut, aber friedlich. Ihre Vorkämpferin Greta Thunberg ist streitbar und spricht beileibe nicht jeden an, aber so konfrontativ wie die Aktivisten von heute ist sie längst nicht.
Die neuen Zahlen bestätigen jene Kritiker, die der „Letzten Generation“ seit Monaten vorwerfen, mit ihren Methoden dem Kampf fürs Klima zu schaden, weil sie die Gesellschaft spalten, statt ihre Kräfte zu bündeln. Grünen-Politiker Konstantin von Notz warf ihnen jüngst die „Sabotage von Alltagsleben“ vor, die „politisch schlicht falsch und kontraproduktiv“ sei.
Ganz so deutlich sagen es die Autoren nicht. Sie appellieren an die Akteure – Aktivisten und Gesamtbevölkerung – lediglich, „aus der derzeitigen Negativdynamik auszubrechen, um den konstruktiven Ton beim gemeinsamen Klimaschutz wiederzufinden“. Einfach wird das nicht. Die Studie kommt dennoch zu dem halbwegs tröstlichen Ergebnis: „Noch ist alles möglich.“ MARC BEYER