Washington/Moskau – Bei ihrer seit rund sieben Wochen andauernden Gegenoffensive haben die ukrainischen Streitkräfte laut einem Bericht der „New York Times“ ihren bislang wichtigsten Vorstoß gegen die russischen Invasoren begonnen. Daran seien im Südosten des Landes tausende teils vom Westen ausgebildete und ausgerüstete Soldaten beteiligt, die bislang in Reserve gehalten worden seien, berichtete die US-Zeitung unter Berufung auf zwei ungenannte Pentagon-Beamte. Es gelte, durch von Russland gelegte Minenfelder und andere Barrieren in Richtung Süden zur Stadt Tokmak und, wenn möglich, bis ins etwa 40 Kilometer von der Küste entfernte Melitopol vorzudringen.
Ziel sei es, die Landbrücke zwischen der russisch-besetzten Ukraine und der annektierten Halbinsel Krim zu durchtrennen oder zumindest so weit vorzurücken, dass die strategisch wichtige Halbinsel in Reichweite der ukrainischen Artillerie gerate. Der Vorstoß könne bis zu drei Wochen dauern, hieß es laut ukrainischen Beamten.
Die USA beobachten die Aktivitäten genau. „Dies ist der große Test“, zitierte die „New York Times“ einen hochrangigen Beamten. Die „Washington Post“ berichtete ebenfalls über einen neuen Vorstoß des ukrainischen Militärs mit dem Ziel, das Asowsche Meer zu erreichen.
Auch das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) in Washington schrieb von einer bedeutenden ukrainischen Gegenoffensive im Westen des Gebiets Saporischschja. Dabei seien anscheinend einige russische Verteidigungsstellungen südlich von Orichiw durchbrochen worden. Allerdings warnte das Institut vor zu hohen Erwartungen auf schnelle ukrainische Vorstöße. Das ISW gehe zwar weiter davon aus, dass die Ukraine bei ihren Gegenoffensiven erhebliche Fortschritte erzielen könne, aber über einen langen Zeitraum hinweg.
Russlands Präsident Wladimir Putin erklärte hingegen, die neuen Attacken seien bisher erfolglos geblieben. „Alle Versuche der Gegenoffensive wurden gestoppt, der Feind mit großen Verlusten zurückgeworfen“, sagte er am Rande des Afrika-Gipfels. Putin bestätigte aber Berichte, wonach sich die ukrainischen Kampfhandlungen jüngst deutlich intensiviert hätten. Er sagte, die ukrainischen Angreifer hätten allein binnen 24 Stunden rund 200 Soldaten verloren, das Zehnfache der russischen Verluste.
Bei nächtlichen Raketenangriffen auf die Hafeninfrastruktur der südukrainischen Region Odessa ist unterdessen mindestens ein Mensch ums Leben gekommen. Laut Ukraine soll es sich dabei um einen Wachmann gehandelt haben. Zudem seien Anlagen in einem Frachtterminal und und Autos zerstört worden.