Wie Kretschmer um sein Land kämpft

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München/Dresden – Von den hässlichen Momenten im Leben des Politikers Michael Kretschmer gibt es zahllose Videos. Wie ihn eines Sonntagmorgens 30 Gegner vor seinem Privathaus abpassen, seine sofortige Verhaftung fordern. Er hört ihnen zu, höflich. Wie er sich in Dresden zum Gespräch mit Demonstranten stellt, ruhig zu argumentieren versucht und niedergebrüllt wird. „Blödester Hammel, den Sachsen je gesehen hat“, „Verpiss dich“.

Was daran beeindruckt: Kretschmer, ein unscheinbarer, normal großer, manchmal zerbrechlich wirkender Mann mit rotem Bart, geht keiner Debatte aus dem Weg; auch keiner Pöbelei. Er stellt sich, wahrt Fassung, dann lässt er sich eben beschimpfen. Hält durch, als sich andere Ministerpräsidenten dieser Republik längst von einem Ring aus Leibwächtern in die gepanzerte Limousine hätten schieben lassen. „Ich muss mit den Menschen reden“, sagte er mal der „SZ“, „ich habe keine andere Wahl“.

In anderen Ländern, vor allem im Westen und auch in seiner CDU, wird Kretschmer (48) dafür wahlweise bewundert oder wie ein exotisches Tier bestaunt. Verliert sich da einer in Nonsensdebatten mit Wutbürgern, oder ist das der Stil, den die CDU im Osten fürs Überleben braucht?

Von allen CDU-Größen, die in diesen Tagen über den richtigen Umgang mit der AfD und ihren Wählern diskutieren, ist Kretschmer jedenfalls der mit der größten Betroffenheit. Er stemmt sich in Sachsen gegen auch hier dramatisch erstarkte radikal Rechte. 32,5 Prozent AfD, ergab eine Umfrage vor wenigen Wochen, 30 Prozent CDU. Kretschmers eh schon arg bunte Regierungskoalition mit SPD und Grünen käme nur noch auf eine hauchdünne Mehrheit. Das Volk ist gespalten seit der Pandemie, zusätzlich aufgewühlt seit dem Ukraine-Krieg, getroffen von Inflation und Krise. Und am 1. September 2024 ist Wahl in Sachsen.

So wie Kretschmer seinen Bürgern zuzusprechen versucht, so redet er derzeit auch auf seine Partei ein. Es ist ähnlich mühsam. Seit Monaten rät der Sachse, das Thema Migration ernster zu nehmen und offensiver zu diskutieren. Für mehr Grenzschutz in Deutschland, mehr Frontex in Europa, für eine härtere Linie insgesamt. Per Interview in unserer Zeitung im Mai, dann in anderen Medien, riet er eindringlich zu einer Expertenkommission, um die Asylstandards zu senken. Es dauerte zwei Monate, ehe Parteifreunde und sogar diese Woche die CSU den Vorschlag aufgriffen.

Sein Rat: Reden, kümmern, machen. „Unser Unvermögen, Probleme in diesem Land anzusprechen und zu klären, führt zur Stärke dieser AfD“, sagt Kretschmer, der seit Anfang 2022 Bundes-Vize der CDU ist, also Friedrich Merz’ Stellvertreter.

Er greift nun auch in die Debatte um Brandmauern ein. Kretschmer warnt, ebenso laut wie die Kollegen im Westen, vor dem radikalen Kern der AfD, „einer Partei, die mit diesem Land Schlimmes vorhat“. Er sieht aber eine Differenzierung zwischen den Ebenen – und hält aber wenig davon, bis ins kleinste Kommunalgremium kategorisch gegen alles zu stimmen, was die AfD vorschlägt. „Wir dürfen keine Märtyrer erzeugen, mit denen angeblich niemand sprechen will, um drängende lokale Probleme wie etwa den Bau eines Kindergartens zu lösen.“ Sein Rat: Statt „reflexartig von einer Brandmauer zu sprechen“, müsse man als CDU „durch kluge Politik der AfD den Nährboden entziehen“.

Von Merz-Skeptikern in der CDU wie Hendrik Wüst, Daniel Günther oder dem Saarländer Tobias Hans ist Kretschmer damit himmelweit entfernt. Vorerst hält die Union diese Spannung aus. Kretschmer trauen Merz und CSU-Chef Söder am ehesten zu, die Landtagswahl im Herbst 2024 zu bestehen. In zwei anderen Ländern wird es kniffliger: In Brandenburg, ist die CDU als Juniorpartner von Rot-Grün in Umfragen auf 18 Prozent gesackt. In Thüringen (CDU bei 20) kann sie wohl nur noch unter der extremen Linken und mit der SPD gemeinsam eine Regierung gegen die AfD formen.

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