Ein Plan gegen die Wut im Woid

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Freyung/München – Am Ende steht da neben dem Ministerpräsidenten ein Landrat, der versucht, seine große Zufriedenheit in Worte zu fassen. „Diese Sonderbehandlung für den Bayerischen Wald“, so setzt Sebastian Gruber (CSU) vor all den Mikrofonen und Kameras selbstbewusst an, die sei „wichtig und angemessen“. Er findet: „Heut spielt die Musik im Woid.“

Für einen halben Tag ist am Dienstag Freyung, 211 Kilometer und zweieinhalb Autostunden von der Staatskanzlei entfernt, Zentrum der Landespolitik. Das Kabinett und die obersten Beamten rücken an, sie tragen Jancker und große Förder-Pläne. Am Ende der Ministerratssitzung werden umfangreiche Vorhaben für den „Woid“, für die Grenzregion zu Tschechien, bekannt gegeben. „Wir legen den Bayerwald-Turbo ein“, sagt Markus Söder, „mit Druckbetankung“. Hier schlage „das Herz von Europa. Wir zeigen, dass wir uns kümmern.“ Niemand solle hier glauben, dass man sich nur um München sorge.

Das klingt nach Phrase – aber trifft, so erzählen Kommunalpolitiker, die Sorge vieler Menschen in dieser Region. Abgehängt zu sein räumlich, auch von den städtisch-abstrakten Debatten in München oder gar Berlin. Wirtschaft zu verlieren, wenn die Glasindustrie unter den Energiepreisen und der Wintertourismus im Klimawandel wegbrechen. Oder wenn die Ampel plötzlich Holz nicht mehr als Erneuerbare Energie fürs Heizen zulassen will.

Zu spüren ist das an der politischen Stimmung in der Region. Nirgendwo in Bayern gilt die AfD als so stark wie hier im Osten Niederbayerns. Wahlkreisprognosen, so ungenau sie sein mögen, sehen für die CSU einen akut wackelnden Stimmkreis Freyung-Grafenau. Schon 2018 lagen AfD-Kandidaten in fünf Kreisen auf Platz 2 hinter der CSU, die Abstände dürften deutlich geschmolzen sein. Corona-Ärger mit einem in der Region extralangen Lockdown, Wirtschaftskrise, dazu Migrationsdruck in Grenznähe gelten als Unruhemotive.

Offiziell spricht keiner der hohen Herren aus München auch nur einen Pieps über die AfD. Inoffiziell ist genau das der Grund, warum Söder sein Kabinett kurz vor der Landtagswahl gen Osten beorderte. Und rund 50 Millionen Euro lockermachte. „Ausbauen, beschleunigen, Tempo machen, umsetzen“, hat er den Ministern befohlen. Was er in Freyung konkret verspricht, wären im satten München Fußnoten, für die Region sind es starke Stützmaßnahmen. Freyung erhält ein Polizeizentrum mit ständig 240 Fortbildungs-Teilnehmern, angesiedelt in einer umgebauten Kurklinik. Sie steht seit Kurzem leer, „eine „große Narbe“, sagt der örtliche Bürgermeister. Mit 40 Stellen rückt das Digitalisierung-Landesamt in die Region. Bodenmais bekommt sein Walderlebniszentrum schneller. Und irgendwie gibt es einen Topf, aus dem das Umweltministerium eine Straßensanierung im Nationalpark fördert.

Hubert Aiwanger, der Vize-Ministerpräsident, macht das mit. Er ergänzt: Beschneiungsanlagen würden in der Region weiter mit den Seilbahnen gefördert, damit sich die Urlauber nicht „nach Österreich verabschieden“. Er will auch für BMW-Standorte in der Region kämpfen.

Reicht das, um die Stimmung zu wenden? Die CSU muss ihren Kampf ja in jeder Ecke Bayerns anders führen. In München sind die Grünen der Hauptgegner, in ländlicheren Regionen die Freien Wähler. In Landshut etwa hat Aiwanger gute Chancen, erstmals einen Stimmkreis direkt zu holen. Söder sieht auch das als Risiko. Er lässt deshalb derzeit keine Gelegenheit aus, dem latenten Maßnahmen-Gegner Aiwanger ungefragt und überschwänglich zu danken, ab 2020 jede Corona-Einschränkung einmütig mitgetragen zu haben. Aiwanger nimmt das giftige Lob bisher wortlos zur Kenntnis.

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