München/Peking – Im arktischen Sommer schmelzen immer größere Teile des Polareises und geben jedes Jahr ein bisschen mehr Zeit für Forschung und kommerzielle Aktivitäten im Polarmeer. Genau dort hat China gerade die Erprobung eines Unterwasser-Abhörgeräts abgeschlossen, das nach Angaben des staatsnahen Polarforschungsinstituts aus Shanghai künftig in großem Maßstab eingesetzt werden soll. Die akustischen Informationen könnten etwa für „Kommunikation unter dem Packeis, Navigation und Positionierung oder die Rekonstruktion von Meeresumwelt-Parametern“ genutzt werden, teilte das Institut kürzlich mit.
Es locken Öl, Gas, Uran, Gold und Seltene Erden
Seit Jahren baut China eine Präsenz in den Nordpolargebieten auf, um Zugang zu Mineralvorkommen und Schifffahrtswegen sowie ein größeres Mitspracherecht zu bekommen. Die Volksrepublik definierte sich schon vor Jahren als „arktisnaher” Staat, trotz 1400 Kilometern Entfernung zum Polarkreis. 2014 kündigte China erstmals an, dass es bis 2030 „polare Großmacht” werden wolle.
Doch nicht nur China, sondern viele Staaten wollen an die unter dem Meer und dem schmelzenden Inlandeis ruhenden Rohstoffe Erdöl, Erdgas, Uran, Gold und Seltene Erden. Und so ist die Arktis durch den Klimawandel zum geopolitischen Hotspot geworden, in dem das Misstrauen steigt, vor allem gegenüber Peking und Moskau. Die USA und andere westliche Staaten warnen vor militärischer Nutzung wissenschaftlicher Forschung durch China und Russland. Die beiden Partner wollen in der Arktis enger zusammenarbeiten.
Für Peking ist vor allem die Nordostpassage um Sibirien herum interessant. Russland testet die Passage gerade mit einem Öltanker. Bisher gehen Russlands Rohölexporte nach China und Indien über die viel längere Südroute durch den Suezkanal. Im Juli lief zudem erstmals ein chinesisches Containerschiff namens „Newnew Polar Bear“ aus St. Petersburg aus, um über die Nordostpassage nach China zu fahren.
Das Eismeer ist zum großen Teil internationales Gewässer. Nutzung und Schutz regelt der Arktische Rat mit Sitz im norwegischen Tromsö, der acht Staaten umfasst: Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Schweden, Russland und die USA. Es geht um Regeln für die Rohstoffgewinnung oder die Schifffahrt. Andere Staaten wie Deutschland oder Frankreich sind Beobachter; China und Indien wurden 2013 Beobachter.
China hat zwei Forschungsstationen in der Region, eine auf dem norwegischen Spitzbergen-Archipel, die andere in Island. Experten warnen in einer kürzlich erschienenen Studie der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) vor einer auch militärischen Nutzung der ozeanografischen und akustischen Forschungen Chinas. Dessen arktisches Forschungs-Ökosystem füge sich „in eine größere Bürokratie ein, die in der Vergangenheit Pekings geopolitische Ambitionen unterstützt hat“.
Die USA trommeln seit Jahren gegen chinesische Aktivitäten im Nordmeer. Die Arktis-Strategie der Biden-Regierung von Oktober 2022 wirft China vor, eine „Forschung mit doppeltem Verwendungszweck zu betreiben“.
Die Bedrohung durch China „sollte nicht aufgebauscht werden“, meint dagegen Stephanie Pezard, Expertin für Sicherheitspolitik. Vor allem in der nordamerikanischen Arktis „ist nicht viel los“. Gleichzeitig wolle China keinesfalls „von den Entwicklungen ausgeschlossen werden“.
Auch Russland will die Präsenz erhöhen
„Da China kaum noch andere Möglichkeiten hat, erhöht es seine Investitionen in Russland und sieht Moskau als strategischen Partner seiner Wahl in der Arktis an“, schreiben die CSIS-Autoren. Moskau, einst wenig begeistert von Chinas arktischen Ambitionen, hat ebenfalls kaum eine Wahl. Seit Beginn des Ukraine-Krieges wird es von den anderen Staaten des Arktischen Rats gemieden.
Marc Lanteigne von der Arktischen Universität in Tromsö sieht sowieso vor allem Russland als Risikofaktor. „Die Wahrscheinlichkeit, dass die Spannungen zwischen Russland und dem Westen auf die Arktis übergreifen, ist angesichts der Militarisierung seiner arktischen Gebiete durch Moskau und der Ausdehnung der Nato in den hohen Norden gestiegen.“ Russland betreibt dort zwei Standorte und kündigte im April an, eine Basis mit den „Brics“-Staaten Brasilien, Indien, China und Südafrika anzustreben.