Man kann sich leidenschaftlich darüber streiten, wer für den Niedergang der Linkspartei verantwortlich ist: die eigenbrötlerische, zum Populismus neigende Sahra Wagenknecht – oder ihre Gegner, die vom progressiven Podest aus naserümpfend auf die frühere Klientel blicken. Bloß ist das vertane Zeit. Sinnvoller wäre nach langer Qual das Eingeständnis, dass unter dem Linken-Label heute zwei ganz unterschiedliche Parteien wohnen. Die Trennung, die sich nach dem angekündigten Rückzug von Fraktionschefin Mohamed Ali, einer Wagenknecht-Vertrauten, noch klarer abzeichnet, wäre auf kurze Sicht schmerzhaft, mittelfristig womöglich heilsam. Vor allem ist sie unvermeidlich.
Stand jetzt ist die Partei im Kampf mit sich selbst völlig gelähmt, weil es nicht nur um zwei, drei inhaltliche Differenzen geht, sondern um die grundsätzliche Frage, was genau zwischen Gender- und Sowjetstern links ist. Das lässt sich nicht per Parteikonvent klären, der allenfalls unter Schmerzen zusammenkleben würde, was nicht mehr zusammen gehört. Stattdessen kommt es jetzt auf Wagenknecht an. Sie muss endlich Klarheit darüber schaffen, ob sie eine eigene Partei gründen will oder nicht. Zum einen ist sie das ihren Noch-Genossen schuldig, die zurecht beklagen, dass Wagenknecht auf dem Fraktionsticket eigene Pläne schmiedet. Zum anderen würde das den beiden Seiten Luft verschaffen, ihre Inhalte zu schärfen. Zusätzlich reizvoll wäre, dass Wagenknecht die AfD stutzen könnte. Eine in sich verkrampfte Linke schafft das sicher nicht.
Marcus.Maeckler@ovb.net