WIE ICH ES SEHE

Man sieht nur mit dem Herzen gut

von Redaktion

Wir reisen nicht weit. Unsere Ferien gehen nur in ein Dorf an der Küste hinter den Deichen am Wattenmeer ganz oben in Deutschland. Fast schon in Holland. Jedenfalls hat die holländische Kultur mit Deichen, Windmühlen, Ziehbrücken sowie mit dem reformierten Glauben dieses Ostfriesland bis in die Sprache hinein geprägt. Denn von Deutschland aus gesehen liegt es ganz im Westen. Die Bezeichnung „Ost“-Friesland ist von Holland aus gesehen.

Nach dem Krieg lebte ich in unserem Dorf bei den Großeltern. Außer den Bauernhöfen gab es damals auch noch den Dorfkrug, den kleinen „Kolonialwaren“-Laden und die Volksschule. Das alles ist längt verschwunden, man fährt heute lieber in die benachbarte Kreisstadt.

Von unserer alten Landschule ist nur noch auf dem Friedhof im benachbarten Kirchdorf das Grab des Lehrers übrig geblieben. Es liegt etwas abseits, kleiner als die „wichtigen“ Gräber der großen Bauernfamilien. Aber mein ganzes Herz hängt in liebevoller Erinnerung an diesem Dorfschulmeister. Ganz allein, ohne irgendeine Hilfe, führte er seine einklassige Schülerschar durch die Jahreszeiten. Höhepunkte waren die Weihnachtsfeiern und die Schulausflüge im Sommer. Immer belebt durch die zugehörigen Lieder von „Oh Du fröhliche“ bis zu „Geh aus mein Herz und suche Freud…“.

Alles stand im Zeichen der vielen Flüchtlinge damals, auch die überfüllte Schule. Nicht wirklich willkommen am Anfang, aber doch mit Einsicht in die Not wohnten diese Familien mit Müttern und Kindern überall auf den Höfen verteilt. Und eines Tages 1945 waren im benachbarten Dorf mit der Kleinbahn lauter unbegleitete Kinder angekommen. Manchmal Geschwister, die eng zusammenstanden in der Angst, nun auch noch voneinander getrennt zu werden. Alle gezeichnet von den Strapazen der Flucht, verlaust und ungewaschen.

Eine Woge des Mitgefühls ergriff die Herzen aller Mütter. Sie machten sich auf, diese Kinder am Bahnhof abzuholen. So kam Brigitte in unsere Familie. Meine Tante hat nie vergessen, wie sie das Kind als Erstes gebadet und mit allem Nötigen versorgt hat. So ist eine lebenslange Liebe entstanden. Brigitte hatte einen kleinen Koffer. Auf dessen Grund war ein großes Blatt Papier  mit den Namen ihrer Eltern und ihrem letzten Aufenthaltsort. So konnte später auch die Familie von Brigitte gefunden werden. Brigitte aber, heute eine alte Dame, hat das ganze Leben hindurch zwei Familien gehabt. Die eigene und die Familie in Ostfriesland.

Wir Älteren hier auf unserem Dorf denken noch an die alte Zeit. Deutschland war groß in seiner totalen Niederlage. Viele Menschen zeigten das, was über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz. Das arme Deutschland damals hat zehn Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Aber heute stöhnen wir über die Lasten. Wir wollen nicht sehen, dass Flüchtlinge auch Chancen bedeuten. Kalten Herzens schauen wir weg, wie sie auf den Fluchtwegen umkommen, auch die Kinder.

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VON DIRK IPPEN

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