VON MIKE SCHIER
Wenn die ganze Angelegenheit nicht so traurig und unwürdig wäre – man könnte fast schon lachen: Erst bestritt Hubert Aiwanger auf Anfrage der „SZ“ nur vehement die Urheberschaft des Flugblatts und drohte mit Klage. Nach der Veröffentlichung dann tauchte plötzlich der Bruder auf. Der Minister selbst konnte sich nicht erinnern, ob er das Pamphlet auch verteilt habe. Dafür fällt jetzt – wieder zwei Tage später – dem Bruder plötzlich noch ein, der junge Hubert habe die Flugblätter sogar noch eingesammelt, um zu deeskalieren. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Hubert Aiwanger eine Auszeichnung für jugendliche Zivilcourage erhält.
Doch halt! Die Angelegenheit eignet sich nicht für Scherze. Man könnte in der Tat anführen, dass frühe Fehltritte nach 35 Jahren verjährt sind. Dieses Land hat schon einen Außenminister rehabilitiert, der als Straßenkämpfer mit Steinen auf Polizisten warf. Doch während Joschka Fischer offen mit diesen jugendlichen Sünden umging, spielt Hubert Aiwanger die Unschuld vom niederbayerischen Lande. Die Bösen sind immer die anderen.
Durch einen anderen Umgang mit den Vorwürfen hätte Aiwanger viel Zündstoff aus der Debatte nehmen können. Stattdessen wächst in der CSU der Unmut über ihn und sein Lavieren. Und mit jedem Tag fällt es schwerer, sich vorzustellen, wie Söder und Aiwanger nach der Wahl wieder fünf Jahre vertrauensvoll zusammenarbeiten sollen. In der CSU ist in den letzten Tagen mehr kaputtgegangen, als es sich Aiwanger und die Freien Wähler offenbar vorstellen können.
Mike.Schier@ovb.net