Kiew – Es sind ungewöhnlich diplomatische Worte, die Präsident Wolodymyr Selenskyj in Richtung Russland schickt: Er könnte sich eine Verhandlungslösung für die Krim vorstellen, sagte er am Wochenende in einem Interview. „Wenn wir an den Verwaltungsgrenzen der Krim sind, denke ich, kann man politisch die Demilitarisierung Russlands auf dem Gebiet der Halbinsel erzwingen“, sagte er. In der Vergangenheit hatte Kiew mehrfach seine Entschlossenheit betont, die Krim militärisch zurückzuerobern.
Derzeit versuchen ukrainische Soldaten im Süden des Landes bei ihrer Offensive, besetzte Gebiete zurückzugewinnen und bis an die Küste zur Krim vorzustoßen. Nach wochenlangen Kämpfen hat die Ukraine am Wochenende die russischen Besatzer aus einem Dorf im südukrainischen Gebiet Saporischschja verdrängt, meldete das Verteidigungsministerium in Kiew. Zuletzt hatte die Ukraine ihre Angriffe auch auf die Krim selbst verstärkt und in der vergangenen Woche sogar einen Kommandotrupp auf der Halbinsel abgesetzt.
Laut Selenskyj wäre aber eine politische Lösung für die Krim besser, da sie mit weniger Opfern verbunden wäre. Zugleich betonte er, dass er den Krieg nicht auf Russland verlagern wolle. Ziel sei die Befreiung eigener Gebiete. Sollte die Ukraine hingegen weit auf russisches Gebiet vorstoßen, drohe die Gefahr, die Unterstützung westlicher Partner zu verlieren.
Trotzdem sind in den vergangenen Monaten auch immer wieder russische Grenzregionen von der Ukraine aus unter Beschuss geraten. Und der Druck auf Russlands Präsident Wladimir Putin wächst – nicht nur, weil die Gegenoffensive der Ukraine immer mehr an Durchschlagskraft gewinnt. Russland wirkt auch aus dem Inneren immer geschwächter. Der Aufstand der Wagner-Söldner vor zwei Monaten hat Spuren hinterlassen: Dem Kreml fehlt nun eine verlässliche Truppe, die neben der Ukraine auch in Afrika präsent ist. Putin hat die Söldner zu einem Treueeid auf den russischen Staat verpflichtet – anders weiß er die Militärgruppe offenbar nicht zu kontrollieren. Und auch in der eigenen Bevölkerung befürchtet die russische Führung immer weniger Zuspruch: Laut dem britischen Verteidigungsministerium wurde eine für September geplante Militärübung abgesagt, weil zu wenige Truppen und Ausrüstung verfügbar seien. Die Übung Zapad 23 hätte der Höhepunkt des militärischen Ausbildungsjahres sein sollen. Die „unzureichende Leistung des russischen Militärs in der Ukraine“ habe aber gezeigt, dass „gemeinsame strategische Übungen nur begrenzten Wert hatten und hauptsächlich der Show gedient haben“, so das Ministerium – der Kreml könnte demnach Kritik im Land befürchten, wenn er eine weitere glanzvoll präsentierte Militärübung in Kriegszeiten abhalte.
Womöglich könnten all die Rückschläge für Moskau Putin irgendwann an den Verhandlungstisch bringen. Schon im Juli sagte Selenskyj gegenüber dem US-Sender ABC News: „Höchstwahrscheinlich wird Putin dazu gezwungen, den Dialog mit der zivilisierten Welt zu suchen, sollte die Ukraine die administrative Grenze zur Krim erreichen.