„Geschlossenheit ist heute angesagt“

von Redaktion

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

München – Sekunden vor der offiziellen Bekanntgabe huscht ein kurzes Lächeln über Söders Gesicht, mehr nicht. Er hat gerade das Wahlergebnis zugeflüstert bekommen, will sich noch nichts anmerken lassen vor all den Kameras, die voll auf ihn gerichtet sind. Aber die Zahl ist gut, sehr gut für ihn. Mit über 96,6 Prozent bestätigt ihn seine Partei als Chef im Amt. Mehr als erwartet.

Es ist sein Rekord, sogar kaum geschönt mit Rechentricks. Selbst ungültige Stimmen eingerechnet und Delegierte, die just in diesem Moment aus dem Saal eilen, sind es über 90 Prozent. Die CSU zeigt trotz mauer Umfragen Disziplin. Ein bisschen mehr noch: In erheblichen Teilen lässt sie sich begeistern.

Vor allem Söders Rede direkt vor der Wahl fängt Zweifler ein. 105 Minuten lang, er schwenkt vor den 700 Delegierten über alle Politikfelder, steigert sich. Viele Bundessachen, Ampel-Kritik: „die schlechteste Regierung, die Deutschland je hatte.“ Beifall für seine Kritik an den Cannabis-Plänen und den Spott, man brauche „Hustensaft in den Apotheken statt Drogen auf den Straßen“. Klima-Kleber. Gendern. Den Umbau der Erbschaftsteuer fordert er, damit „Bayernland in Bayernhand bleibt“. Und grenzt sich in aller Härte von der AfD ab, nennt sie rechtsextrem und „Kremlknechte“.

Zur Migration wird er deutlicher als in den letzten Monaten, aber nicht schrill. Kanzler Scholz wirft er vor, er sei ein „Meister des Schweigens“ dazu. Söder ruft nach einer „Integrationsgrenze“ und weiteren sicheren Herkunftsstaaten, vor allem den Maghreb-Staaten und Indien, nach dem Sachleistungsprinzip für Flüchtlinge. Und der Rücknahme der Bürgergeld-Ausweitung auf Ukrainer.

Söder muss aber alle Register ziehen für diese Halle, wirklich alle. Aus den Vorjahren übernimmt er die Idee, die übelsten Beleidigungen und Morddrohungen von Extremisten an ihn vorzulesen, mit ganz leiser Stimme. Ehe er dann in die Halle donnert, niemals dürften solche Leute an die Macht kommen, „so wahr mir Gott helfe“. Es ist ein Schwur.

Söder knöpft sich erstmals auch den Koalitionspartner vor. Kein Wort über Hubert Aiwanger direkt, aber die Warnung, dem „einen oder anderen“ seien vielleicht Umfragen zu Kopf gestiegen. „Mein dringender Rat: mehr Demut vor Wahl und Wähler.“ Das kommt an, einige an der Basis haben sich das vom Chef gewünscht, ganz so, als könnte das den FW-Höhenflug stoppen. Noch heftiger ist der Beifall, als Söder klarmacht, auf keinen Fall das Agrarministerium an die Freien Wähler abzugeben. Die Koalition gelobt er fortzusetzen, wieder eine Absage an Schwarz-Grün. Offen warnt er aber vor „Leihstimmen“ an Freie Wähler. Am 8. Oktober gehe es „nicht um ein Flugblatt von vor 35 Jahren, sondern um Bayerns Zukunft“.

Rede und Resultat nehmen Druck von Söder. So kräftig, wuchtig er am Pult auftritt, so groß ist die Nervosität hinter den Kulissen. Mehrere Delegierte erzählen tuschelnd Geschichten dazu und schildern, dass der Chef seit Tagen zornig jene suche, die intern über eine Zeit nach ihm reden. In der Halle bittet Söder am Ende die Basis um Hilfe. „Lasst uns eine verschworene Gemeinschaft sein“, ruft er. „Je schwerer die Zeit, desto enger.“ Und; „Ich brauche euch. Ihr seid meine Heimat, meine Basis, meine Familie.“

Die CSU ist stark darin, vor Wahlen Disziplin zu zeigen. Und das Treffen ist sehr gut inszeniert. Schon die geistlichen Worte am Morgen raten ab vom „Geist der Furcht“. Später sieht die Regie vor, dass Ilse Aigner alle dran erinnert. „Geschlossenheit ist heute angesagt“, bittet die Oberbayern-Chefin. Sie schlägt Söder, der nicht immer ihr engster Freund ist, selbst zur Wiederwahl vor.

Das ist keine Ewigkeitsgarantie, aber es wird stabil bis zum Wahltag reichen, mindestens. Das zeigt sich auch bei den weiteren Voten an diesem Tag. Manfred Weber (94,9 Prozent), Angelika Niebler (95,3), Melanie Huml (87,5), Katrin Albsteiger (91,5) und Dorothee Bär (75,2, allerdings einige ungültige Zettel) werden mit besseren Ergebnissen als im Jahr 2021 als CSU-Vizes bestätigt. Söder selbst beendet dann den Parteitag. „Raus gehma!“, ruft er, „kämpf’ ma!“

Artikel 2 von 11