Israel stellt sich auf einen „langen Krieg“ ein

von Redaktion

VON ANNE-CHRISTINE MERHOLZ UND KATHRIN BRAUN

Tel Aviv/Berlin – Als die Sirenen am Samstag losgingen, versteckte sich Moshe M., 42, mit den anderen Bewohnern seines Hauses in Tel Aviv im Treppenhaus. Er wusste, dass es dort überhaupt nicht sicher ist, sagt er später. Aber einen Bunker gab es nicht. „Wir hörten die Raketen und die Sirenen und die Einschläge“, erzählt er. „Es war ohrenbetäubend.“ Dann bebte das ganze Gebäude. Er werde nie das Geräusch der einstürzenden Mauern vergessen, sagt er. „Als der Angriff vorbei war, trauten wir uns auf die Straße.“ Eine Rakete war im Haus gegenüber eingeschlagen. „In meiner Nachbarschaft klafft jetzt ein großes Loch.“

Der Krieg kam aus dem Nichts. Israel wurde am Samstagmorgen von den Angriffen aus dem Gazastreifen überrumpelt. Die von der EU, den USA und Israel als Terrororganisation eingestufte Palästinenserorganisation feuerte tausende Raketen auf Israel ab. Es gab keine Warnungen von israelischen Geheimdiensten. Israelische Sicherheitsbehörden waren völlig überfordert mit der Situation. Inmitten des Chaos konnten hunderte palästinensische Terroristen die hochgesicherten Grenzanlagen überwinden. Hunderte Kämpfer drangen aus der Luft, zu Land und über das Meer auf israelisches Gebiet vor. Bei ihrem Vormarsch nutzten die Angreifer Pick-Ups, Motorräder, Schnellboote und motorisierte Gleitschirme.

Angreifer stürmen auch Rave-Festival

Die eingesickerten Hamas-Kämpfer drangen in Kibbuze sowie Städte wie Aschkelon, Sderot und Ofakim vor. Sie töteten hunderte Menschen und verschleppten Soldaten und Zivilisten, darunter laut Medienberichten auch Kinder, in den Gazastreifen. Israel erlebe einen „9/11“-Moment, heißt es an diesem Wochenende immer wieder. Er traf Israel just am jüdischen Feiertag Simchat Tora (Freude der Tora). Allein am Samstag sterben mehr als 300 Israelis. Bis Sonntagnachmittag steigt die Zahl der Toten auf mehr als das Doppelte an.

Die Angreifer stürmten am Samstag ein Rave-Festival und schossen auf die Teilnehmer. „Ein Freund von mir war dort“, sagt Itzik Z., 38, der mit seiner Familie in der Nähe von Tel Aviv lebt. „Er entkam nur knapp dem Tod.“ Als die Terroristen das Feuer eröffneten, sei Itziks Freund mit seinen Freunden zum Auto gerannt. „Sie quetschten sich mit zwölf Leuten in einen Fiat 500. Mein Freund hat vier Schüsse im Bein. Er ist im Krankenhaus, muss aber auf die Operation warten.“ In Israel herrsche „Anarchie, weil es der Hamas gelingt, mit zivilen Fahrzeugen in unser Land einzudringen“, erzählt der Familienvater. „Du weißt nie, ob in einem Auto Terroristen sitzen.“

Als Antwort auf den blutigen Überfall der Hamas hat Israel den Kriegszustand erklärt. Regierungschef Benjamin Netanjahu betonte am Sonntag, Israel stehe nun vor einem „langen und schwierigen Krieg, der uns durch einen mörderischen Angriff der Hamas aufgezwungen wurde“. Die Verstecke der Hamas im Gazastreifen würden in „Trümmer“ gelegt. Der Kriegszustand erlaube „weitreichende militärische Schritte“. Bewohner des Gazastreifens forderte er auf: „Flieht jetzt von dort, denn wir werden überall und mit all unserer Kraft handeln“. Israel werde Rache nehmen.

Netanjahu habe den beiden Oppositionsführern Jair Lapid und Benny Gantz den Eintritt in eine Notstandsregierung angeboten, teilte ein Sprecher von Netanjahus Likud-Partei mit. Lapid hatte schon Bereitschaft dazu signalisiert.

Die Armee schickte zehntausende Soldaten in die Kampfgebiete im Süden Israels rund um den Gazastreifen. Sie startet den Einsatz „Eiserne Schwerter“ und führt zahlreiche Luftangriffe auf Hamas-Stellungen im Gazastreifen aus. Die Armee kündigt an, sie werde die israelischen Geiseln befreien und die gesamte israelische Grenzregion binnen 24 Stunden evakuieren.

Hisbollah und Iran unterstützen Angriff

Der Sprecher der Hamas, Ghazi Hamad, sagte dem Sender BBC, die Gruppe habe direkte Unterstützung vom Iran erhalten. Der Iran habe sich verpflichtet, „den palästinensischen Kämpfern bis zur Befreiung Palästinas und Jerusalems beizustehen“.

Die eng mit dem Iran verbündete Schiitenorganisation Hisbollah bekundete Solidarität mit der Hamas. „Unsere Herzen, Seelen, Raketen und Gewehre sind mit euch, denn wir sind der Widerstand, der ursprünglich um Palästinas und der Al-Aksa willen existierte“, sagte ein hochrangiges Hisbollah-Mitglied im Libanon.

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, wies auf die Bedrohung jüdischen Lebens auch anderswo hin: „Die Gefährdung für jüdische Einrichtungen auch hier in Deutschland zeigt, dass es den Terroristen nicht allein um Israel geht, sondern dass jüdisches Leben überall von ihnen infrage gestellt wird.“ Am Sonntag hat ein Polizist im Nachbarland Ägypten laut Medienberichten zufolge zwei israelische Touristen und einen Ägypter erschossen. Der Polizist habe wahllos auf eine israelische Reisegruppe in der Stadt Alexandria geschossen. Ein weiterer Mensch wurde demnach verletzt.  mit dpa/afp

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