München – Israelis werden von Terroristen entführt und misshandelt. Palästinensische Zivilisten sterben bei Raketenangriffen im Gazastreifen. Grausame Szenen erschüttern die Welt. Und sie lösen Sorge vor einem Flächenbrand im Nahen Osten aus, vor einem Krieg, der sich nicht nur zwischen Israel und der Hamas abspielt – sondern in den noch viele weitere Länder verstrickt sein könnten.
Experten stellen infrage, wie die Hamas einen so koordinierten und komplexen Angriff in Israel ausführen konnten. Laut einem Bericht der „Washington Post“ sei er seit mindestens einem Jahr und mit Unterstützung des Irans vorbereitet worden. Die Planungen hätten mindestens schon Mitte 2022 begonnen, heißt es unter Berufung auf Erkenntnisse von Geheimdienst-Analysten aus dem Westen und dem Nahen Osten. Iranische Verbündete hätten militärisches Training, logistische Hilfe und dutzende Millionen Dollar für Waffen bereitgestellt. Eindeutige Beweise dafür fehlen aber bislang.
Am Montag kam es auch zu Feuergefechten zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon. Die israelische Armee hat nach eigenen Angaben mehrere bewaffnete „Verdächtige“ erschossen, die aus dem Libanon ins Nachbarland eingedrungen seien. Die Hisbollah feuerte als Vergeltung Raketen auf Israel ab. Die schiitische Miliz gilt als militärischer Arm des Iran und wird direkt von Teheran unterstützt.
Der Iran wiederum gilt als enger Verbündeter Russlands. Erst kürzlich versicherten beide Seiten bei einem Besuch des russischen Verteidigungsministers in Teheran, ihre militärische Zusammenarbeit ausbauen zu wollen.
Nach dem Angriff auf Israel wiegen auch die Vorwürfe gegen Russland schwer: Der ukrainische Geheimdienst HUR behauptet, der Kreml habe Waffen an die Hamas weitergegeben. Von unabhängiger Seite wurde das bislang nicht bestätigt. Nach israelischen Angaben verfügt die Hamas zwar über Waffen aus russischer Produktion – man vermutet aber, dass sie über den Iran in die Hände der Terroristen gelangt sind.
Moskau hat den Angriff der Hamas bislang nicht verurteilt. Auch ein Besuch der Hamas in Russland wirft die Frage auf, welche Rolle Russland bei dem Konflikt in Israel spielen könnte. Erst im März dieses Jahres war eine Delegation der palästinensischen Terrorgruppe zu Besuch in Moskau. Worüber sie verhandelt haben, ist unklar.
„Ich glaube zwar nicht, dass Russland hinter der Attacke der Hamas steckt“, sagt Ulrich Schmid, der als Russland-Experte an der Universität St. Gallen lehrt, unserer Zeitung. „Aber der Krieg spielt Putin in die Karten.“ Moskau und Tel Aviv hätten auch seit dem russischen Überfall auf die Ukraine eine erstaunlich gute Beziehung. „Putin und Netanjahu verfolgen einen ähnlichen Politikstil“, sagt Schmid. Andererseits habe Russland Interesse an einer generellen Instabilität im Nahen Osten, meint Schmid. „Überall, wo sich anti-westliche Positionen bilden, tun sich neue Möglichkeiten für Putin auf.“
Der Krieg zwischen Israel und der Hamas lenke von der Ukraine ab, erklärt der Politikwissenschaftler. „Putin hofft, dass der Westen seine Militärhilfen jetzt bevorzugt an Israel schickt“, sagt Schmid. Auch US-Experten des Instituts für Kriegsstudien (ISW) in Washington meinen, dass Russland die Angriffe der Hamas für seinen Krieg gegen die Ukraine nutzen werde: Moskaus Propagandamaschinerie beschuldigt demnach den Westen, den Nahost-Konflikt zugunsten der Unterstützung für die Ukraine vernachlässigt zu haben.
Tatsächlich muss die Ukraine nun darum fürchten, dass die USA den Geldhahn zudrehen. Die bereits vom US-Parlament bewilligten Ukraine-Hilfen sind fast aufgebraucht. Mit der Ablösung des Sprechers im US-Repräsentantenhaus, Kevin McCarthy, ging der Ukraine ein wichtiger Fürsprecher verloren. Nun könnte der Konflikt in Israel weitere US-Ressourcen binden – gut möglich, dass sich die Ukraine künftig die Unterstützung der USA mit Israel teilen muss.