München – Die Innenstadt am späten Nachmittag – es wuselt. Tausende Menschen, die hin- und herlaufen. Touristen mischen sich unter Einheimische, andere sind nach der Arbeit gerade auf dem Heimweg. So wie Andreas H., der am Stachus auf seine S-Bahn wartet. Mitten auf dem überfüllten Bahnsteig passiert es plötzlich. „Es hat gezuckt“, beschreibt er die kurze Körperreaktion. Der Grund: Neben dem Kriminalhauptkommissar steht ein gesuchter Ladendieb. Andreas H. erkennt ihn sofort, zögert nicht: Eine Festnahme, die ein besonderes Talent des Polizisten möglich gemacht hat. Andreas ist ein Super-Recogniser.
So werden Menschen bezeichnet, die sich Gesichter außergewöhnlich gut merken können. So gut, dass sie Personen auch in größten Menschenmengen wiedererkennen. Auch nach Jahren. Einfach aus dem Nichts. 23 solcher Super-Erkenner gehen für das Präsidium auf Täterjagd: Zwei davon hauptamtlich, der Rest in Ergänzung zu anderen Aufgaben. Die Münchner Polizei hat mit dieser Gruppe im April 2018 eine Vorreiterrolle eingenommen. Inzwischen gibt es Super-Recogniser in vielen anderen Bundesländern. Vor fünf Jahren war das noch ganz anders (siehe Kasten).
2017 wurde das Münchner Präsidium unter Hubertus Andrä auf das Thema aufmerksam. Der damalige Präsident lud Professor Josh P. Davis ein und rief die über 6000 Mitarbeiter auf, freiwillig einen Test zu absolvieren. „Ich bin da völlig unbedarft rangegangen“, erzählt Andreas H., der keine Ahnung von seinem Talent hatte. 4500 Beamte und Angestellte des Präsidiums beteiligten sich am Test, 78 von ihnen kamen nach mehreren Testphasen in die finale Runde, 37 blieben zunächst übrig.
Heute gehört das Team zur Abteilung Einsatz und hilft bei der Suche nach Straftätern – zum Beispiel im Fußballstadion, bei Großveranstaltungen und Demos oder bei Verbrechensserien in Süddeutschland und dem benachbarten Ausland. Dabei werten die Polizisten Foto- oder Videomaterial aus. 550 ermittlungsunterstützende Hinweise geben sie pro Jahr an die Kommissariate, Dienststellen und Inspektionen. Andreas H. erklärt, dass die Kollegen praktisch keine Fehltreffer zurückgemeldet bekommen.
Wie er sein Talent nutzt, kann der 43-Jährige aber schwer erklären. „Ich habe keine Ahnung“, sagt der Familienvater mit einem Lachen. Die Gabe ist angeboren, Erkennungen passieren instinktiv und machen sich an dem Zucken bemerkbar. „Ah, den kenn ich doch!“ Er muss dann überlegen, woher genau: Aus dem privaten Umfeld? Kollegenkreis? Oder ist die Person ein gesuchter Straftäter? Die Zuordnung falle meist leicht. Andere Kollegen wüssten sogar sofort, wann und in welchem Kontext sie ein Gesicht schon einmal gesehen haben.