Tel Aviv/Gaza – Seit Tagen wartet der Deutsch-Palästinenser Mazen Eldanaf am Grenzübergang Rafah im Gazastreifen auf die erlösende Nachricht. „Die Hoffnung schwindet von Tag zu Tag“, sagt der 61-Jährige, der gestern weiter in dem Kriegsgebiet feststeckte. Vergeblich sei er in der vergangenen Woche die Ausreiselisten durchgegangen. Doch sein Name und der seiner Frau seien nicht dabei gewesen. „Nun ist der Grenzübergang wieder geschlossen. Wir wissen nicht, wann und wie es weitergeht“, sagt Eldanaf, der seit 43 Jahren mit seiner Frau in Bonn lebt.
Nur wenige der hunderten Deutschen im Gazastreifen durften bislang vor den anhaltenden Luftangriffen Israels nach Ägypten flüchten. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es, am Freitag hätten über 30 Deutsche das Küstengebiet verlassen können, am Mittwoch davor sei es „eine niedrige einstellige Zahl“ gewesen. Weitere hätten am Samstag folgen sollen. Nach dem israelischen Beschuss eines Krankenwagens stoppte die im Gazastreifen herrschende Hamas die Ausreise jedoch bis auf Weiteres komplett.
Eigentlich kam Eldanaf nach Gaza, um seine Familie zu besuchen, erzählt er. Als Autohändler könne er Geschäftliches mit Privatem verbinden. Maximal zehn Tage wollten sie demnach bleiben. Seine vier Brüder, seine Schwester treffen. Doch aus dem Familienbesuch wurde ein Albtraum.
Seit fast vier Wochen hätten er und seine Frau Khitam wegen der israelischen Bomben nicht mehr geschlafen. „Ich will hier raus“, sagt Khitam mit schwacher Stimme am Telefon. „Das hier ist kein Leben, das ist nur Tod. Man riecht nur den Tod, man sieht nur den Tod, es gibt kein Leben hier“, sagt die Sozialpädagogin.
Das Schlimmste sei für sie, dass ihre vier erwachsenen Kinder in Deutschland nicht wüssten, ob sie ihre Eltern jemals wiedersehen. „Meine Kinder können nicht arbeiten, sie können sich nicht konzentrieren, weil sie hören, was in Gaza passiert. Keiner weiß, ob wir lebend herauskommen.“
Mazen Eldanaf macht der Bundesregierung und insbesondere Außenministerin Annalena Baerbock Vorwürfe. Jahrelang habe er die Grünen gewählt, für ihn eine Partei, die für Frieden stehe. Nun sei er nur noch enttäuscht von der fehlenden Unterstützung bei der Ausreise.
Trotz weltweiter Proteste und Forderungen nach einer Waffenruhe im Gazastreifen setzt Israel seine Militäroffensive gegen die islamistische Hamas fort. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas forderte gestern in Ramallah bei einem Treffen mit US-Außenminister Antony Blinken, dass im Gazastreifen umgehend eine Waffenruhe gelten müsse. Er erklärte die Bereitschaft, „volle Verantwortung“ für den Gazastreifen zu übernehmen, aber nur als Teil eines „Pakets“ mit einer umfassenden politischen Lösung auch für das Westjordanland und Ost-Jerusalem. Die Palästinenser beanspruchen diese Gebiete für einen eigenen Staat. Blinken reiste auch überraschend in den Irak. Er warnte proiranische Milizen, den Konflikt in Gaza auszunutzen, um US-Truppen „hier oder anderswo in der Region zu bedrohen“.
Hunderttausende Menschen hatten am Wochenende bei Demonstrationen in Washington, London, Paris, Berlin, Istanbul, Sydney und Jakarta verlangt, das Blutvergießen im Gaza-Krieg zu beenden. Auch Papst Franziskus hat eindringlich zu einer Waffenruhe in Israel und Palästina aufgerufen. Die Zahl der im Gazastreifen getöteten Palästinenser ist seit Kriegsbeginn nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde auf 9770 gestiegen. 25 000 Menschen seien verletzt worden.
In Israel haben einem Medienbericht zufolge hunderte Menschen vor einem Haus von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu protestiert und seinen Rücktritt gefordert. Die Menschen warfen Netanjahu demnach vor, dass unter seiner Führung die islamistische Hamas am 7. Oktober das schlimmste Massaker der Geschichte Israels anrichten konnte.