Anfang des Jahres hatten etliche Militär-Experten erklärt, dass die Ukraine bis zum Winter einen Durchbruch schaffen müsse, sonst dürfte die Hoffnung, die von Russland besetzten Gebiete einschließlich der Krim zurückzuerobern, dahin sein. Doch die Gegenoffensive startete mangels Munition und Waffen aus dem Westen verspätet – und steckt nun nach Geländegewinnen von gerade mal 17 Kilometern fest.
Zwar ist laut Umfragen noch immer eine überwältigende Mehrheit der Ukrainer gegen eine Beendigung des Krieges, ohne die besetzten Gebiete zurückzugewinnen. Doch die enttäuschte Hoffnung auf die Gegenoffensive und die Angst vor nachlassender Unterstützung des Westens sorgen selbst bei den bisher so entschlossenen Ukrainern für Erschöpfung. In dieser Situation hatte der seit Kriegsausbruch bereits sechste Besuch von Ursula von der Leyen in Kiew vor allem die Funktion, die Moral zu heben. Die deutlich wie noch nie in Aussicht gestellte EU-Beitrittsperspektive soll den Ukrainern Mut machen.
Aber selbst wenn sich in Kiew aus Sorge vor einem blutigen Stellungskrieg Verhandlungsbereitschaft zeigen sollte: Je kriegsmüder die Ukrainer werden, desto geringer ist die Bereitschaft Wladimir Putins zu verhandeln. Da ihm die Leben seiner Soldaten nichts wert sind, kann Putin den Stellungskrieg hinziehen, bis in den USA und in der EU die Ukraine-Solidarität zerbröselt.
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