GASTBEITRAG

So retten wir den Frieden

von Redaktion

Zu Beginn eines neuen Jahres tönen aus Funk und Fernsehen die Friedensappelle. Wir hören sie in den Neujahrsgrüßen des Papstes sowie von den vielen Präsidenten und Präsidentinnen, Königen und Königinnen. So ist es jedes Jahr. Doch angesichts der in der Ukraine und in Gaza tobenden Kriege scheint dieses Jahr irgendwie anders zu sein. Der Krieg kommt uns realer und näher vor – nicht nur wegen der täglichen Nachrichten, sondern auch wegen der Flüchtlinge, die inzwischen mit uns leben. Intuitiv spüren wir, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Deshalb sollten wir solche Rufe nach Frieden begrüßen und von unseren Politikern verlangen, dass sie sich für dieses Ziel einsetzen. Aber was bedeutet es, die Voraussetzungen für Frieden zu schaffen? Um diese Frage zu beantworten, sollten wir am Anfang des neuen Jahres in die Vergangenheit blicken. Denn heuer vor 75 Jahren stand die Welt ebenfalls vor einer großen geopolitischen Zäsur.

Zu Beginn des Jahres 1949 war es keineswegs klar, dass die westliche Welt am Scheideweg stand. In Washington war die Außenpolitik bestenfalls unschlüssig. Obwohl die Marshall-Plan-Hilfe floss, waren die US-Verteidigungsbudgets gering, trotz zunehmender Konflikte mit der Sowjetunion über das Schicksal der Staaten Ost- und Mitteleuropas.

Doch im Laufe des Jahres wurde Washington aus seiner Selbstgefälligkeit gerissen. Kommunistische Kräfte unter Mao Zedong trieben die nationalistische Regierung Chiang Kai-sheks auf die Insel Taiwan und gründeten auf dem Festland die Volksrepublik China. Noch im selben Jahr testete die Sowjetunion erfolgreich eine Atomwaffe und beendete damit das amerikanische Nuklearmonopol. Und als nordkoreanische kommunistische Kräfte ein Jahr später in Südkorea einmarschierten, war klar, dass der Westen handeln müsste. Wie heute spürten die Menschen instinktiv, dass die Welt gefährlicher wurde.

Das Resultat war eine Reihe mutiger, kostspieliger und kontroverser Schritte, die dennoch die Voraussetzungen für mehr als ein halbes Jahrhundert Frieden schufen. In den USA überzeugte Präsident Truman den Kongress von der Notwendigkeit einer enormen Aufstockung des Verteidigungshaushalts und einer Rückkehr der US-Bodentruppen in großer Zahl nach Europa. In Europa wurde das „O“ an die NAT angehängt, da der Nordatlantikvertrag zu einer integrierten politischen und militärischen Organisation wurde. Umstritten, aber essenziell war die Einleitung des von Kanzler Adenauer unterstützten Prozesses der Wiederbewaffnung Westdeutschlands, der 1955 zur deutschen NATO-Mitgliedschaft führte. Nichts davon war selbstverständlich. Fünf Jahre nach Kriegsende war die Öffentlichkeit kriegsmüde. Niemand wollte an einen weiteren bewaffneten Konflikt denken. Aber indem er sich darauf vorbereitete, konnte der Westen einen Krieg vermeiden. Der Erfolg dieser Strategie wurde 40 Jahre später klar, denn 1989 zeichnete sich ein weiterer Scheideweg ab.

Ganz wie Truman und seine Berater es sich vorgestellt hatten, führte die Eindämmungspolitik des Westens im Laufe der Zeit zu einer Situation, die Reformen in der Sowjetunion begünstigte. Für die Menschen in Ostdeutschland war dies eine Gelegenheit, Reformen zu fordern. Bundeskanzler Helmut Kohl reagierte mit einem mutigen, kostspieligen und in vielerlei Hinsicht umstrittenen Zehn-Punkte-Plan, der die deutsche Einheit forderte. Diese wurde klug in einen größeren und den reformierten Staaten Osteuropas offenen Prozess der europäischen Integration eingebettet. Der Weg war und bleibt holprig, aber würde irgendjemand behaupten, dass es sich nicht gelohnt hat?

Ja, Wladimir Putin. Er hat mit dem Angriff auf die Ukraine alles infrage gestellt. Und so stehen wir zu Beginn dieses neuen Jahres erneut an einem Scheideweg. Neujahrsrufe nach Frieden sind willkommen, aber 2024 müssen wir uns fragen, ob wir die Kraft aufbringen, die mutigen, kostspieligen und teilweise kontroversen Schritte zu unternehmen, die nötig sind, um das zu verteidigen, was frühere Generationen uns hinterlassen haben.

Der Autor

James Davis ist US-Amerikaner, lebt in München und lehrt Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen (Schweiz).

VON JAMES DAVIS

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