Es ist eine Ohrfeige mit Verspätung: Die wegen des Chaos bei der regulären Bundestagswahl notwendig gewordene Nachwahl kostet Berlin gleich vier Mandate. Die Beteiligung in der Hauptstadt war so niedrig, dass nun plötzlich Menschen wie Franziska Krumwiede-Steiner aus Essen ins Parlament gespült werden. Manchmal hat das deutsche Wahlrecht schon kuriose Pointen parat.
Jenseits solcher Hinterbänkler-Schicksale hat der Urnengang natürlich nur bedingt Aussagekraft. Aber Tendenzen kann man durchaus ablesen. Manifestiert wird die Krise der Kanzlerpartei: Die SPD stellte von Willy Brandt über Walter Momper bis Klaus Wowereit viele Regierende Bürgermeister, die es in die Geschichtsbücher schafften. Doch am Sonntag blieben die frustrierten Anhänger lieber zuhause. Die Genossen, die sich in der Ampel lange zwischen den beiden Polen FDP und Grünen als Hort der mittigen Vernunft präsentiert hatten, befinden sich im Fall. Das hat vor allem mit dem Kanzler zu tun, dessen Führungskraft zunehmend in Zweifel gezogen wird.
Wirklich überraschen kann das alles nicht, auch das deutliche Plus für die CDU war zu erwarten. Allenfalls die Stabilität der Grünen erstaunt, die vermutlich mehr von der wachsenden Anti-AfD-Bewegung im Land profitierten als die SPD. Wer auf Demos geht, geht auch wählen. Das gilt leider auch für die ganz Verlorenen: 9277 wählten eine AfD-Frau, die in Untersuchungshaft sitzt – sie wird verdächtigt, einen Putsch mitgeplant zu haben.
Mike.Schier@ovb.net