Gaza/Tel Aviv – Zum ersten Mal seit Beginn des Gaza-Krieges vor mehr als vier Monaten ist es Israel gelungen, zivile Geiseln in einer dramatischen Rettungsaktion lebend aus der Gewalt der islamistischen Hamas zu befreien. Die beiden Männer im Alter von 60 und 70 Jahren kamen in der Nacht zum Montag bei einem waghalsigen Einsatz israelischer Spezialkräfte in der Grenzstadt Rafah im Süden des Gazastreifens frei. Direkt nach der Erstürmung des Gebäudes begann Israels Luftwaffe mit Angriffen im Raum Rafah, um den Rückzug der Einsatzkräfte zu ermöglichen. Bei israelischen Angriffen und Kämpfen in Rafah wurden nach Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde in der Nacht mindestens 67 Menschen getötet, darunter Kinder und Frauen. Die Hamas sprach von einem „Massaker“.
Das israelische Militär habe sich auf den Einsatz auf Basis nachrichtendienstlicher Erkenntnisse seit einiger Zeit vorbereitet und einen geeigneten Moment abgewartet, sagte der israelische Armeesprecher Daniel Hagari am Montag. Die Geiseln seien im zweiten Geschoss eines Gebäudes in Rafah von bewaffneten Terroristen festgehalten worden. Weitere Bewaffnete hätten sich in angrenzenden Gebäuden befunden, sagte er weiter. Die Sicherheitskräfte hätten sich schützend vor die Geiseln gestellt und sich dann heftige Schusswechsel geliefert.
Die befreiten Geiseln wurden per Hubschrauber in das Schiba-Krankenhaus bei Tel Aviv gebracht und dort von ihren Familien in die Arme geschlossen. Der argentinische Präsident Javier Milei schrieb bei X, vormals Twitter, die Befreiten seien israelisch-argentinische Doppelstaatsbürger. Israel feierte die Befreiung als einen seltenen Erfolg im zähen Zermürbungskrieg im Gazastreifen. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gratulierte den Spezialkräften zu „dem mutigen Einsatz“ zur Befreiung der Geiseln. „Nur fortgesetzter militärischer Druck, bis zum totalen Sieg, wird die Befreiung aller unserer Geiseln erzielen.“
Der Schwiegersohn eines der Befreiten sagte israelischen Medien, die Familie habe die Mitteilung in der Nacht bekommen und die vier erwachsenen Kinder seien direkt ins Krankenhaus gefahren. Trotz der mehr als viermonatigen Geiselhaft sei der 70-Jährige in vergleichsweise gutem Zustand, er sehe nur etwas dünn und blass aus. „Er ist etwas schockiert von dem ganzen Trubel“, sagte der Schwiegersohn. Die Nachrichtenseite „ynet“ berichtete unter Berufung auf Familienmitglieder, die beiden Männer hätten während der Zeit in Geiselhaft einen großen Teil ihres Körpergewichts verloren. Den Angaben zufolge hungerten sie oft tagelang.
Am Montag hat Irans Außenminister Hussein Amirabdollahian Israel eindringlich vor einem Militäreinsatz in Rafah gewarnt. Die Ausweitung der „Kriegsverbrechen und des Genozids“ auf die Stadt im Süden des Gazastreifen werde „schwerwiegende Konsequenzen“ für Tel Aviv nach sich ziehen, drohte er.
Unionsfraktionschef Friedrich Merz hat sich derweil hinter das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen und in Rafah gestellt. „Die israelische Regierung und die israelische Armee tun nach meinem Eindruck alles, um die Zivilbevölkerung dort zu schützen“, sagte der CDU-Vorsitzende am Montag nach einem Treffen mit dem Premierminister Netanjahu in Jerusalem. Die Zivilbevölkerung werde von der Hamas als Schutzschild missbraucht, um die Bekämpfung des Terrors schwerer zu machen. „Insofern liegt es jetzt auch bei der Hamas, dafür zu sorgen, dass hier nicht noch mehr zivile Opfer zu beklagen sind“, ergänzte Merz.
Die palästinensische Zivilbevölkerung werde vor militärischen Einsätzen gewarnt und per Telefon sowie Flugblatt aufgefordert, jene Gebiete zu verlassen, in denen dann militärische Aktionen stattfänden, sagte Merz. „Aber wahr ist auch: Es gibt zivile Opfer. Es wird auch weiter zivile Opfer geben“, ergänzte Merz.