München – Mit Tiervergleichen soll man in der Politik vorsichtig sein, aber der Publizist Wolfram Weimer hatte diese Woche einen originellen Gedanken. Er verglich die Kanzler-Frage in der Union mit einer Art Tümpel, in dem „schlafende Krokodile“ treiben. Sieht friedlich aus, doch schlafende Krokodile lauern, bewegen sich kaum, warten auf den Moment, schnappen dann blitzschnell zu.
Als Alligatoren vorstellen darf man sich Friedrich Merz, Hendrik Wüst (beide aus der CDU) und CSU-Chef Markus Söder. Über Monate hinweg keine eindeutige Bewegung, kein Kampf, kein Biss. Einer aus dieser Runde hat nun gezuckt. Merz signalisiert gegenüber Journalisten erstmals offen seine Bereitschaft für die Kanzlerkandidatur der Union. „Ich fühle mich fit und mein Alter kann ich nicht ändern“, sagte der 68-Jährige dem „Stern“. Er versucht damit, einen der größeren Vorbehalte loszuwerden, den Hinweis auf sein Alter nämlich. Ein zweites Vorurteil will er gleich mit abräumen: dass er bei Frauen in der Wählerschaft weit unpopulärer sei als bei Männern. Mangelnde Popularität könne er nicht feststellen, befand er im Magazin. „Es gibt Untersuchungen, da schneide ich bei Frauen sogar besser ab als bei den Männern.“ Zugleich verlangte Merz von seiner Partei indirekt, eine Personalentscheidung klaglos zu akzeptieren: „Ich erwarte Zusammenhalt und Loyalität.“
Merz seinerseits gibt sich etwas versöhnlicher gegenüber dem Lager der Angela-Merkel-Fans in der Union, das nicht so groß sein mag, aber überzeugt ist. „Man kann doch nicht hergehen und den Leuten sagen, alles, was ihr 16 Jahre lang gemacht habt, war falsch.“ Eine aus diesem Kreis, die schleswig-holsteinische Ministerin Karin Prien, legt sich im Gegenzug auf ihn fest. „Er kann Kanzler. Wenn Friedrich Merz Kanzlerkandidat werden will, hat er meine volle Unterstützung.“
Zurück zu den Krokodilen: Die anderen zwei verhalten sich weiter unauffällig. Wüst sagte diese Woche in der ARD, man werde sich „alles in Ruhe angucken und dann entscheiden“, und dies nach den Ost-Wahlen im Herbst. Er und Merz seien „beide der Meinung, dass es wichtig ist, wer Wählergruppen erreichen kann“, sagte der NRW-Ministerpräsident.
Söder seinerseits bekannte in einer Talkshow: „Die CDU will einfach keinen Bayern als Kanzler“, das habe er gelernt beim Kampf mit Armin Laschet 2021. Nun sei Merz „natürlich der Favorit“. Auch wenn er selbst „theoretisch könnte“, sei das „eher extremst unwahrscheinlich“. Das ist die übliche Grundlinie: nie kategorisch Nein, aber erst recht kein klares Ja.
Der weitere Zeitplan für die Union sieht nicht nach schneller Festlegung aus. Am 11. März in Berlin tagen zwar die Parteipräsidien von CDU und CSU gemeinsam, da geht es aber nur um das Europawahlprogramm. Es folgen Parteitage zum Thema Europa bei der CSU Ende April sowie ein dreitägiger Wahlparteitag der CDU im Mai in Berlin. Hier wird Merz ziemlich sicher im Amt als Vorsitzender bestätigt, außerdem wird sein neues Grundsatzprogramm beschlossen. Es folgen dann erst mal die Wahlkämpfe für Europa (Wahl im Juni) und drei Bundesländer im Osten (September).
Kann es sein, dass es gar kein Krokodil-Aufbäumen mehr gibt? Darauf deutet ein Satz des Sachsen-Regierungschefs Michael Kretschmer Ende Februar in unserer Zeitung hin: Am Ende würden es Merz und Söder „gemeinsam entscheiden, und ich würde denken, es kommt Merz dabei heraus“. cd