Ein israelischer Panzer rollt am Dienstag an einem Sonnenblumenfeld im Gazastreifen vorbei. © afp
Gaza/Tel Aviv – Bei israelischen Angriffen in Rafah sind nach palästinensischen Angaben am Dienstag wieder dutzende Menschen getötet worden. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde seien dabei 18 Menschen ums Leben gekommen. Mediziner in dem palästinensischen Küstengebiet sprachen zudem von mindestens 20 Todesopfern bei einem Vorfall im Westen der Stadt. Demnach waren Zelte von Vertriebenen das Ziel.
Dem von der Hamas kontrollierten Zivilschutz zufolge wurden mindestens vier Granaten auf das betroffene Gebiet gefeuert. Die Angaben ließen sich allesamt zunächst nicht unabhängig verifizieren. Israels Armee sagte auf Anfrage, sie prüfe die Berichte.
Inzwischen sind auch Panzer der israelischen Armee nach Angaben von Augenzeugen ins Zentrum von Rafah vorgerückt. Demnach seien mehrere Panzer in der Nähe der Al-Awda-Moschee gesichtet worden, einem Wahrzeichen im Stadtkern.
Zuletzt hatte ein israelischer Luftangriff auf ein Zeltlager in Rafah vom Sonntagabend internationales Entsetzen ausgelöst. Dabei waren nach Angaben der Hamas-Gesundheitsbehörde mindestens 45 Menschen getötet und dutzende verletzt worden, darunter Frauen und Minderjährige. Der palästinensische Zivilschutz berichtete von „verkohlten und zerstückelten Leichen“.
Das Ausmaß des tödlichen Luftangriffs ist nach Darstellung der israelischen Armee auf ein Feuer zurückzuführen, das möglicherweise durch die Explosion gelagerter Waffen ausgelöst wurde. Der israelische Militärsprecher Daniel Hagari sagte am Dienstag, die Luftwaffe habe bei einem Angriff auf ranghohe Hamas-Mitglieder zwei kleine – jeweils 17 Kilogramm schwere – Geschosse eingesetzt.
„Unsere Geschosse allein könnten kein Feuer dieser Größe ausgelöst haben“, sagte er. „Etwas anderes“ müsse dies verursacht haben. Man gehe von einer möglichen sekundären Explosion aus. Die Armee untersuche auch, ob Waffen in der Nähe des Angriffsorts gelagert und dabei in Brand geraten seien.
„Der Vorfall ereignete sich in Tal al-Sultan in einem Gebiet, das mehr als einen Kilometer von der humanitären, sicheren Zone entfernt ist“, sagte Hagari. Die Armee habe das Gebiet vor dem Angriff gefilmt, um sicherzustellen, dass keine Zivilisten in der Nähe seien. Es sei dann eine Hamas-Anlage angegriffen worden. Danach sei jedoch ein Feuer in einer nahegelegenen Anlage ausgebrochen.
Die beiden getöteten Hamas-Mitglieder seien 2011 im Rahmen eines Gefangenen-Tauschs mit der Hamas freigekommen. Sie seien für den Tod vieler Israelis verantwortlich.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Olaf Scholz (SPD) forderten auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Meseberg, dass Israel die Angriffe in Rafah einstellt und bei seinem Vorgehen das Völkerrecht achtet. UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte den Angriff und sagte, der „Horror“ müsse aufhören. Angesichts des tödlichen Angriffs berief der UN-Sicherheitsrat am Dienstagabend eine Dringlichkeitssitzung ein.
Die Organisation Ärzte ohne Grenzen teilte mit, es sei bei dem Angriff am Sonntagabend ein Lager für Vertriebene in einer als sicher deklarierten Zone getroffen worden. Die israelische Armee wies dies als „Lügen und Desinformation der Hamas“ zurück. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sprach von einem „tragischen“ Vorfall.
In Reaktion auf die Krise im Gazastreifen haben Spanien, Irland und Norwegen nun offiziell einen palästinensischen Staat anerkannt. In Madrid verabschiedete das Kabinett „einen wichtigen Beschluss zur Anerkennung eines palästinensischen Staates“, hieß es.