Die inhaftierte NSU-Terroristin Beate Zschäpe. © Peter Kneffel
Hamburg – Werden jetzt endlich die letzten Rätsel um die Taten der rechtsextremen NSU-Terroristen gelöst? Laut „Spiegel“ hat Beate Zschäpe ihr jahrelanges Schweigen gebrochen und in fünf langen Befragungen über Details der NSU-Morde und auch über Helfer der NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos ausgepackt.
Demnach berichtete Zschäpe den Ermittlern unter anderem von längeren Abwesenheiten von Mundlos. Einer der Gründe dafür sei dessen jahrelange Beziehung mit einer in der Schweiz lebenden Frau gewesen. An den Nachnamen der Frau könne sie sich nicht mehr genau erinnern, nur ihr Vorname sei ihr im Gedächtnis geblieben, so Zschäpe.
Die Ermittler versuchten, die Identität der angeblichen Mundlos-Freundin zu klären, und stellten ein Rechtshilfeersuchen an die Schweiz. Bei der Überprüfung von Frauen, die zu Zschäpes Angaben passen könnten, stießen die Fahnder auf eine Rechtsextremistin, die jahrelang in der Schweizer Neonaziszene aktiv war und Kontakte zum rechtsextremen Blood and Honour-Netzwerk und zur gewaltbereiten Gruppierung Combat 18 pflegte.
Die Schweizer Behörden durchsuchten die Wohnung der 39-Jährigen, die behauptet, Mundlos nicht zu kennen. Zschäpes Aussage, dass die NSU-Terroristen sich länger in der Schweiz aufgehalten haben, würde bisherige Lücken der Ermittler schließen, die beispielsweise rätselten, warum der Stromverbrauch in der letzten konspirativen Wohnung der drei Terroristen in Zwickau so gering gewesen sei.
Über das Motiv des Polizistenmords in Heilbronn 2007 gab es viele Spekulationen, etwa über private Motive. Doch laut Zschäpes Aussage ging es bei der Ermordung der 22-jährigen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter allein um Waffenbeschaffung. Die Pistolen, die sich Böhnhardt und Mundlos im Untergrund besorgt hatten, seien ihnen nicht mehr zuverlässig genug gewesen – deshalb hätten sie an Polizeiwaffen kommen wollen.
Zschäpe zufolge schoss Mundlos auf Martin A., der schwer verletzt überlebte, während Böhnhardt auf Kiesewetter feuerte. Zschäpe zufolge erzählte Böhnhardt ihr später, dass er am Tatort die Buchstaben „NSU“ an einer Wand hinterlassen habe. Tatsächlich fand sich an der Backsteinmauer des Trafohäuschens, neben dem der Streifenwagen parkte, ein solcher Schriftzug – bei den damaligen Ermittlungen erkannte jedoch niemand seine Bedeutung.
Zschäpe belastete auch den sächsischen Neonazi Jan W. und einen weiteren Unterstützer, bei der Waffenbeschaffung geholfen zu haben. Bereits im Münchner NSU-Prozess hatte die 49-Jährige dem einstigen Blood-and-Honour-Aktivisten vorgeworfen, dem Terror-Trio eine Pistole beschafft zu haben. Jetzt sagte Zschäpe aus, dass Jan W. bei einer der Reisen von Mundlos in die Schweiz dabei gewesen sei. Den Grund des mehrtägigen Trips wisse sie nicht. W. bestreitet die Vorwürfe.
Zudem erklärte die zu lebenslanger Haft Verurteilte, dass dem NSU Schwarzpulver zur Verfügung stand. Wenn die Terroristen ihr Versteck gewechselt hätten, sei der Explosivstoff jeweils mitgenommen worden. Dabei will Zschäpe aufgefallen sein, dass das Schwarzpulver immer weniger geworden sei – womöglich, weil Böhnhardt und Mundlos Teile davon für Anschläge 1999 auf eine Nürnberger Gaststätte und 2001 auf einen Kölner Lebensmittelladen verwendet hatten. Zschäpe beteuert, dass sie sich inzwischen von der rechtsextremen Szene distanziere. Wie glaubwürdig ihre Aussagen sind, werden wohl erst die weiteren Ermittlungen zeigen. KLAUS RIMPEL