Ein Langweiler will an die Macht

von Redaktion

Beendet er das Briten-Chaos? Keir Starmer verspricht dem Land einen Wechsel hin zur Stabilität. Er dürfte der erste Labour-Regierungschef seit 14 Jahren werden. © Stefan Rousseau/PA Wire/dpa

München – Kürzlich hatte Keir Starmer die Gelegenheit, sich schon mal mit der Rolle des Staatsmanns bekannt zu machen. Und sein Konkurrent half ihm sogar dabei. Der britische Premier Rishi Sunak war frühzeitig von den Feierlichkeiten zum D-Day in Frankreich abgereist, wofür er viel Prügel einstecken musste, aber das ist eine andere Geschichte. Starmer, der ebenfalls in die Normandie gereist war, blieb – und füllte die Lücke, die ihm Sunak gelassen hatte, geschickt aus.

Zwei Tage lang traf er sich mit Staats- und Regierungschefs, darunter Wolodymyr Selenskyj, ließ sich mit britischen Weltkriegs-Veteranen fotografieren, zeigte sich auf internationalem Parkett. Für ihn sei es sehr wichtig gewesen, die ganze Zeit dort gewesen zu sein, sagte er vor Journalisten. Das leuchtet ein: Seither kann kein Staatsführer mehr sagen, er kenne Starmer nicht.

Wichtig ist das insofern, als der 61-Jährige bald sehr mächtig sein könnte. Der Chef der Labour Party wird, wenn nichts mehr schiefgeht, nach der Wahl Anfang Juli neuer Premierminister werden. Amtsinhaber Sunak kämpft zwar wacker. Die Briten aber haben nach 14 weithin chaotischen Tory-Regierungsjahren die Nase voll von den Konservativen. Im Land, das sei vorweggenommen, mag keine Starmer-Stimmung herrschen – dafür aber Wechselstimmung.

Und ein Wechsel wäre es. Nach dem Gaukler Johnson, der Kurzzeit-Regierungschefin Truss und dem Milliardär Sunak ist Starmer ein Fleisch gewordenes Erdungskabel: Er wirkt stets etwas steif, fremdelt mit politischer Inszenierung, nichts an ihm schillert. Manche sagen, er sei ein Langweiler, und deshalb genau der Richtige. Das Land, an vielen Stellen kaputtgespart, brauchte keine Show, sondern Taten.

So sieht sich Starmer selbst, als Mann der Tat. Der Jurist – jahrelang Menschenrechtsanwalt, dann Chef der obersten Strafverfolgungsbehörde CPS – ist Pragmatiker und geht kalkuliert vor. Erst 2015, da war er schon 52, stieg er in die große Politik ein, als Abgeordneter. Ein Jahr später machte ihn der damalige Labour-Chef Jeremy Corbyn zum Brexit-Beauftragten in seinem Schatten-Kabinett. 2020 übernahm Starmer die Partei selbst, zu einem Zeitpunkt, als sie am Boden lag. „Innerhalb von drei Jahren verwandelte er die Labour Party von einer furchterregenden in eine respektable Partei“, sagte sein Biograf, der Journalist Tom Baldwin, in einem Interview.

Das bedeutete vor allem, das Erbe Corbyns abzuschütteln. Starmer schob Labour inhaltlich von links in die Mitte, liebäugelt bisweilen mit konservativen Positionen (etwa bei der Migration), will die Partei von jedem Hauch von Antisemitismus befreien, dessen Corbyn stets verdächtig war. So sehr das nach Wählbarkeit riecht, so arg hat er mit seinem Drall nach mitte-rechts Parteifreunde verärgert. „Die Parteilinke ist unter Starmer beinahe so in Aufruhr, wie es die Parteirechte unter Corbyn war“, schrieb der „Spiegel“ unlängst. Konflikte seien programmiert.

Hinzu kommt: So rigoros er intern durchgriff, so weich sind bis heute seine Positionen. Vielen Briten gibt er Rätsel auf. Sunak hat das als Schwachpunkt identifiziert, beim ersten, ziemlich hitzigen TV-Duell vor einer Woche ritt er geradezu darauf herum. „Außer Steuern zu erhöhen und Ihre Renten zu rauben, weiß niemand, was Labour tatsächlich tun würde“, sagte er ans Publikum gerichtet. Später fragte er den Labour-Chef immer wieder nach konkreten Vorhaben, aber Starmer eierte herum.

Dabei sind die innenpolitischen Aufgaben gewaltig, für Gesundheit, Soziales und mehr fehlen Milliarden. Zwar formuliert Starmer Ziele, will für wirtschaftliche Stabilität sorgen, Wartezeiten beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS verkürzen, 6500 neue Lehrkräfte einstellen. Bloß wie? Weiß man nicht. Immerhin: Außenpolitisch können sich die Briten auf Kontinuität einstellen. Der Labour-Chef gilt als Ukraine-Unterstützer. Mittelfristig will er das Land wieder näher an die EU heranrücken.

Bisher verzeihen ihm die Wähler die inhaltliche Wurschtigkeit. Und wer weiß, vielleicht steckt doch mehr dahinter. Statt große Visionen zu verkünden, gehe Starmer lieber „leise viele kleine Schritte, die schließlich zu radikalen Veränderungen führen“, meint sein Biograf Tom Baldwin. Ob da was dran ist, wird sich ab dem 5. Juli zeigen. Wenn nichts mehr gravierend schiefgeht, zieht der Labour-Chef dann in Downing Street 10 ein.

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