EU-weit gehört Deutschland zu den Ländern mit der geringsten Arbeitszeit. Die Angestellten (wie hier bei BMW) kommen auf 34,1 Wochenstunden. © dpa/Woitas
München – Bayerns Ministerpräsident Markus Söder findet, dass die Deutschen zu faul geworden seien. Der CSU-Chef sagte der „Bild am Sonntag“:„In Griechenland gibt es jetzt zum Beispiel eine Sechs-Tage-Woche, bei uns wird über eine Vier-Tage-Woche diskutiert. So werden wir den Rückstand nicht aufholen. Wir müssen wieder mehr arbeiten.“
Deutschland spiele ökonomisch inzwischen „leider in der Abstiegszone. Andere Länder sind wirtschaftlich wesentlich erfolgreicher“, kritisierte Söder. Das Problem sei hausgemacht, weil die Ampel keine Strategie finde, um die Probleme zu beheben.
Söder bezieht sich auf das neueste Ranking der Schweizer Wirtschaftshochschule IMD, in dem Deutschland gegenüber dem Vorjahr um zwei Plätze auf Platz 24 abgerutscht ist. Im Jahr 2022 war Deutschland sogar noch auf Rang 15.
Weniger Wohlstand bedeutet laut Söder eine Gefahr für die Stabilität der Demokratie. Er verwies auf die hohen Umfragewerte der AfD: „Anstatt eines blauen Wunders braucht unser Land ein Wirtschaftswunder.“ Deutschland brauche einen „wirtschaftspolitischen Befreiungsschlag“.
Die Unionsparteien und die FDP hatten bereits vor einigen Wochen einen Vorstoß zur Ausweitung der Höchstarbeitszeit und der vorgeschriebenen Mindestruhezeiten gestartet. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung verwies in diesem Zusammenhang auf Studien, die die Bedeutung der Arbeitszeit-Begrenzung belegten: „Gehen die Arbeitszeiten über acht Stunden hinaus, erhöhen sich die Risiken gesundheitlicher Beeinträchtigungen, von Fehlhandlungen und Unfallhäufigkeit nicht linear, sondern eher exponentiell“, warnte der Experte Hartmut Seifert.
Was laut Seifert in der Arbeitszeitdebatte außerdem bedacht werden muss: Belastend ist nicht nur die vertraglich vereinbarte Zeit. Arbeitswege und Pausen eingerechnet, kommen schon heute viele Beschäftigte auf zwölf Stunden oder mehr, die im Zeichen der Erwerbsarbeit stehen und für soziale Verpflichtungen wie Kindererziehung oder Pflege der Eltern und Erholung nicht mehr zur Verfügung stehen.
Das Arbeitszeitgesetz lasse bei Vollzeitbeschäftigten bereits heute mehrere hundert Stunden Mehrarbeit pro Jahr zu. Deshalb gebe es keinen Anlass, am Arbeitszeitgesetz zu drehen, mahnte der Experte des Böckler-Instituts.
Eine Erhebung der IG Metall zum Thema Arbeitszeit, die vergangene Woche veröffentlicht wurde und an der sich in Bayern rund 66 000 Beschäftigte beteiligten, lässt ohnehin darauf schließen, dass eine Ausweitung, wie Söder sie fordert, bei den Betroffenen auf wenig Gegenliebe stößt. Rund 86 Prozent der Befragten aus Metall- und Elektroindustrie gaben an, dass die Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit ihnen „sehr wichtig“ oder „wichtig“ sei. Die Gewerkschaft macht sich seit Langem für eine Vier-Tage-Woche stark. 80 Prozent nannten mehr individuelle Wahlmöglichkeiten zwischen Zeit und Geld als wichtig.
Ganz anders stellt sich die Situation in Griechenland dar. Ab dem 1. Juli werden dort Beschäftigte in der Industrie, dem Einzelhandel, den landwirtschaftlichen Betrieben und einigen Dienstleistungen sechs Tage die Woche arbeiten müssen, wenn der Arbeitgeber sich dafür entscheidet. Für den sechsten Tag wird ein Zuschlag von 40 Prozent des Tageslohns gezahlt, wenn es sich um einen Samstag handelt. An Sonn- oder Feiertagen sind es sogar 115 Prozent.
Mit der Arbeitszeit-Verlängerung reagiert Griechenland auf den Fachkräftemangel. Aris Kazakos, Ex-Professor für Arbeitsrecht in Thessaloniki, warnt vor der absoluten Macht des Arbeitgebers in den Beziehungen zu seinen Beschäftigten. Da die Arbeit am zusätzlichen sechsten Tag unter das Weisungsrecht des Arbeitgebers falle, könne sich der Arbeitnehmer nicht dagegen wehren. Opposition und Gewerkschaften warnen, dass mit dem Gesetz die Sechs-Tage-Woche zur gängigen Praxis gemacht werden solle.
Im Vergleich aller EU-Mitgliedsstaaten arbeiteten Griechen 2022 mit 41 Arbeitsstunden am meisten. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden. Deutschland liegt mit 34,1 Stunden pro Woche weit hinten – lediglich in Dänemark und den Niederlanden arbeitet man noch weniger.