Integration ist eine Frage der Bildung

von Redaktion

Eine OECD-Studie gibt Deutschland gute Noten – mit einer entscheidenden Einschränkung

Integrationsbeauftragte Reem Alabali-Radovan © dpa/Zinken

München – Am Ende, nachdem viele Zahlen und Fakten zitiert worden sind, zieht Reem Alabali-Radovan ein denkbar knappes Fazit: „Es braucht Bildung, Bildung, Bildung.“ Damit fasst die Bundesbeauftragte für Integration nicht nur die vielen positiven Erkenntnisse einer Studie zusammen, in der sich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit der Situation von Eingewanderten in Deutschland beschäftigt hat. Genauso zutreffend ist der Satz auch bei den Defiziten, die die Forscher zutage fördern.

Als erstes einer Reihe von Ländern – außerdem Österreich, Italien, die Schweiz sowie die nordischen Staaten – hat die OECD Deutschland einen Bericht darüber gewidmet, wie gut Eingewanderte und ihre Nachkommen in den Bereichen Arbeitsmarkt, Bildung und soziale Teilhabe integriert sind. Für die Studie wurden 16 Vergleichsländer herangezogen, die alle eine ähnliche Bevölkerungsstruktur aufweisen.

Laut OECD steht Deutschland besser da, als es die aktuelle Migrationsdebatte erwarten ließe. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Studie viele Arten von Einwanderung berücksichtigt: Die Gastarbeiter der 50er-Jahre, Spätaussiedler, Kriegsflüchtlinge vom Balkan ebenso wie in jüngerer Vergangenheit aus Syrien, aber auch EU-Bürger, die größte Gruppe von allen. In den vergangenen Jahrzehnten habe Deutschland „erheblich in Integration investiert, und diese Bemühungen scheinen sich gelohnt zu haben“, lobt die OECD.

So ist die Quote der Erwerbstätigen mit 70 Prozent höher als in den meisten anderen EU-Vergleichsländern. Die Forscher führen das auf eine umfassende Sprachförderung zurück. Nach fünf Jahren Aufenthalt in Deutschland sprechen demnach zwei Drittel der Einwanderer mit ursprünglichem mittlerem Sprachniveau fließend Deutsch.

Gleichzeitig verweisen die Experten allerdings auf den hohen Anteil von Personen mit geringer Schulbildung. Mehr als ein Sechstel der Einwanderungsbevölkerung in Deutschland habe dieses niedrige Niveau. Der Anteil sei in den vergangenen zehn Jahren vor allem durch die vielen Flüchtlinge gestiegen. Lediglich die Hälfte der Migranten aus dieser Gruppe ist erwerbstätig, nur ein Viertel erreicht nach mindestens fünf Jahren Aufenthalt ein fortgeschrittenes Deutschniveau. In dieser Hinsicht bleibe Deutschland im internationalen Vergleich zurück, betont die OECD.

Während Deutschland bei der Integration von Kindern der sogenannten zweiten Generation – in Deutschland geborene Kinder eingewanderter Eltern – erhebliche Fortschritte verzeichnet, tun sich im Ausland geborene Schüler schwer. Ihre Leistungen sind im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Die OECD sieht als eine mögliche Ursache die coronabedingten Schulschließungen. Eine weitere Gruppe, der die Integration schwer fällt, sind geflüchtete Mütter mit kleinen Kindern. Verglichen mit anderen Ländern sind sie deutlich seltener berufstätig, nicht zuletzt aufgrund fehlender Betreuung. „Keine ganz neue Erkenntnis“, räumt Alabali-Radovan ein.

Die SPD-Staatsministerin ist überzeugt, Integration funktioniere in Deutschland „viel besser als ihr Ruf“, benennt aber auch die Defizite. Der Anteil an Schulabbrechern sei weiterhin viel zu hoch, jeder zehnte junge Mensch mit eingewanderten Eltern habe keinen Abschluss, bei Personen, die selbst zugewandert seien, sogar jeder siebte. „Diese Befunde sind alarmierend.“ Der Bericht lege den Finger in die Wunde: „Unser Bildungssystem ist noch nicht auf die Einwanderungsgesellschaft ausgerichtet, die wir längst sind.“ MARC BEYER

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