Die Bruchkanten der Kanzlerin

von Redaktion

Sehnsucht nach dem Machbaren: Angela Merkel, hier 2022 in Berlin. © FILIP SINGER/EPA

München/Berlin – Woran liegt das? Dass es sich anfühlt wie eine kleine Ewigkeit, obwohl die Ära Angela Merkel so lange noch gar nicht zurückliegt? An all den weltverändernden Krisen seither, klar. Aber vielleicht auch daran, dass sie plötzlich weg war, sich beim Zapfenstreich noch eben Nina Hagens „Farbfilm“ vorspielen ließ und dann fast spurlos im Nebel ihres selbst gewählten Macht-Endes verschwand. Keine politische Wortmeldung, kaum ein Interview seither. Und dabei so viele offene Fragen.

„Sie kennen mich“, sagte Deutschlands damals wahlkämpfende Kanzlerin mal, dabei muss man ehrlicherweise gestehen: Stimmt nicht. Man kennt die markige Raute, ihren einlullenden Regierungsstil, ihre Erfolge und – immer mehr – auch ihre folgenreichen Fehler. Aber sie? Kurz vor Merkels 70. Geburtstag am 17. Juli startet die ARD in einer fünfteiligen Serie den Versuch, Licht in die Person zu bringen. Der grenzkitschige Titel „Schicksalsjahre einer Kanzlerin“ führt dabei glücklicherweise in die Irre.

Dies vorab: Die Doku-Serie ist weder Anbiederung noch Abrechnung. Eher ein Herantasten an Person und Zeit: Warum tickte Merkel so, wie sie tickte? Wie prägte sie das Land? Und was machte das Amt mit ihr? Das ist ein nachvollziehbarer Ansatz für so ein Geburtstagsstück, das sich zugleich, immerhin, vorsichtig kritisch mit den schmerzhaften Bruchkanten (Migration, AfD, Putin) auseinandersetzt.

Am Ende dieser 16 Jahre, sagt die Merkel-Biografin Evelyn Roll einmal, wirkte die Kanzlerin auf sie „wie eine verpanzerte Schildkröte“. Der Satz hat Wucht, weil er in Kontrast steht zum Anfang. Regisseur Tim Evers beginnt in den 80ern, als die spätere Kanzlerin noch Physikerin war, die Haare wuschelig kurz trug, und sich nach den Jahren leerer DDR-Versprechungen nach dem „Machbaren“ sehnte. So sagte sie es damals selbst, als habe sie den Pragmatismus ihrer Regierungszeit vorwegnehmen wollen. Manche würden auch sagen: die Visionslosigkeit.

Station für Station arbeitet sich Evers durch Merkels Werden, das ja dadurch besonders gekennzeichnet war, dass sie – allzu oft unterschätzt – jede Menge Alphamänner hinter sich ließ. Der Aufstieg, dann der Bruch mit Helmut Kohl. Die Konkurrenz zu den Anden-Paktierern um Roland Koch. Stoiber. Schröder. Seehofer. Dass dabei ausgerechnet die innige Feindschaft zu Friedrich Merz unterbelichtet bleibt, gehört zu den wenigen schrägen Entscheidungen des Regisseurs.

Wirklich neue Einblicke liefert die Doku nicht. Dafür eine Vielzahl von Perspektiven. Neben politischen Wegbegleitern wie Annegret Kramp-Karrenbauer, Thomas de Maizière oder Roland Koch kommen auch Außenstehende zu Wort: die Autorin Samira El Ouassil, der Youtuber LeFloid, die Klimaaktivistin Carla Reemtsma. Was guttut: Mit Lars Herrmann erklärt ein Polizist und früherer AfD-Politiker, was ihn damals zu den Populisten zog. Das Verstummen der Konservativen in der CDU, der Kontrollverlust in der Migrationskrise, alles nicht neu – aber als Standpunkt enorm wichtig.

Dennoch: Hier und da hätte der Doku das klarere Benennen der Fehler gutgetan, die dazu beitrugen, dass Deutschland heute in Teilen wie zerrissen wirkt. Nicht dass etwas ausgespart würde. Da ist zum Beispiel die Spannung in der Migrationskrise, die durch zwei kritische Sätze zum Flirren gebracht wird: Erst das bestärkende „Wir schaffen das“ – später der für Merkel-Verhältnisse emotionale Ausbruch: Wenn man sich nun schon für ein freundliches Gesicht entschuldigen müsse, dann sei das „nicht mein Land“. Gerade der Umgang mit Putin hätte aber etwas weniger Dokumentation, dafür etwas mehr Problematisierung verdient gehabt. Er, vielleicht der einzige Mann, den Merkel tragischerweise nicht hinter sich ließ.

Es ist am Ende vor allem die kluge Publizistin Marina Weisband, die das Wirken der ersten Kanzlerin richtig einordnet. Das Regieren ohne Zumutungen. Das Hinauszögern von Krisen. Das (allerdings sehr gute) Leben auf Pump. Dem Menschen Merkel kommt die Serie indes nur in Andeutungen näher. Dass ihr Frausein, viel mehr noch ihre ostdeutsche Herkunft für sie offenbar stets ein Thema war, über das sie allerdings nicht sprach, würde einen noch genaueren Blick lohnen. Merkel selbst kommt als Interviewte in dieser insgesamt gelungenen Doku übrigens nicht vor. Kennen wir sie jetzt besser? Ein bisschen vielleicht.

Die Doku-Serie ist ab heute in der Mediathek verfügbar eine Woche später sendet die ARD einen 90-minütigen Film.

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