KOMMENTAR

Die EM lebt auch ohne den Gastgeber

von Redaktion

Nach dem deutschen Aus

Alle, die mit der Abwicklung des Großereignisses Fußball-Europameisterschaft 2024 zu tun haben, dürften erleichtert sein: Die verbleibende Woche werden sie gut über die Bühne bringen. München erwartet mit Spanien – Frankreich ein unbeschwertes Kostümfest, bei dem die Anhängerschaft beider Seiten sich selbstironisch als Torero oder Baguette verkleidet, im anderen Halbfinale in Dortmund treffen die Nach-links-nach-rechts-Niederländer auf die Engländer, deren Fanszene durch Ausreiseverbote für die polizeibekannten Störer weitgehend domestiziert wurde. Ein Spiel England – Türkei hätte man sich nicht vorstellen mögen. Auf Vereinsfußballebene ist dafür schon zu viel Böses vorgefallen.

Vor zehn oder zwanzig Jahren hätte man vor der letzten Woche noch mit Bange gesagt: Aber ohne das Gastgeber-Team im Wettbewerb ist die Luft raus. Heute stimmt das nicht mehr. Die großen und offiziellen Public-Viewing-Flächen sind ein Anreiz für ausländische Fußball-Interessierte, auch ohne Spieltickets in ein Austragungsland zu kommen, das Stadionfeeling wird auch auf den Fanmeilen vermittelt, das Gemeinschaftserlebnis auf den Fanmärschen, die ein Phänomen dieser EURO sind. Ein Turnier zu besuchen ist für viele nichts anderes als ein intensiver Urlaub. Und so wird das Bild von all denen, die anreisen, stärker geprägt als von der Kultur des gastgebenden Landes. Für das Bild, das nach außen entsteht, macht es keinen signifikanten Unterschied, ob die EM in Deutschland, Frankreich oder Skandinavien stattfindet.

Sicher wären die kommenden Tage noch reizvoller, spielte das deutsche Team um den Titel. Doch nach einigen traurig verlaufenen Turnieren muss man ganz froh sein, dass die Tage nach dem Ausscheiden nicht von Aufräumarbeiten bestimmt sind. WM 2018: Muss Löw gehen? 2022: Flick raus? Es herrschte eine derartige Aufregung um den deutschen Fußball, dass man gar nicht mehr in der Lage war, den Blick auf den Fortgang der Turniere und ihre Geschichten zu richten. Diesmal ist geregelt, wie es weitergeht. Und es besteht Zuversicht, dass der neue Weg ein guter ist. Die ausgeschiedenen Deutschen können sich den Rest der EM gefasst anschauen. Guenter.Klein@ovb.net

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